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Tenui
Nec Dimittam
„Ich habe ihn gepackt und lasse
nicht mehr los“
- eine Erklärung -
„Ich“
In einer Welt voller
Individualismus und Egoismus baue ich dennoch auf das „Ich“. Es ist
das „Ich“, das sich festlegt, es ist das „Ich“, das jemanden
packt, es ist das „Ich“, das nicht mehr los lässt. Gott, der Person
ist, der „Ich bin, der ich bin da“, erwartet die Antwort einer
Person: „Ich habe ihn gepackt und lasse nicht mehr los“. Der Oblate
gibt diese Antwort. Ich lege mich als Oblate des hl. Franz von Sales
fest, es ist meine Entscheidung. Unsere gemeinsamen Verpflichtungen
erfordern individuelle Entscheidungen und persönliche Beziehungen mit
Gott. Gemeinschaft lebt von einer Gruppe von entschiedenen Menschen, die
etwas wollen, die bereit und fähig sind, sich individuell zu
entscheiden. Ich verstecke mich nicht hinter einer Gemeinschaft, ich
folge nicht der Masse, oder warte, bis andere etwas unternehmen. Ich bin
gerufen, ich antworte! Das „Ich“ im Leitwort der Oblaten verlangt
genau danach. Es hängt von mir ab und von meiner Beziehung zu Gott.
„...
habe ihn gepackt“
Das Perfekt wird bei
vergangenen Ereignissen dann verwendet, wenn wir mehr an ihre Wirkung für
die Gegenwart als an das Ereignis selbst denken. Oblaten leben im Hier
und Heute. Ich hatte eine Gotteserfahrung. Ich habe seine Liebe zu mir
entdeckt. Ich habe nicht nur mit dem Kopf, sondern aus ganzem Herzen
nach dem lebensrettenden Seil gegriffen, das Gott mir im Meer des Lebens
zugeworfen hat. Ich habe es erlebt und ich habe es gepackt. Jetzt aber
kommt es darauf an, dass ich mit Ihm verbunden bin. Das Wort
„Packen“ drückt Kraft und Vertrauen aus. Ich habe das Seil gepackt,
das lebensrettende Seil, nicht mit meinen Händen, sondern mit meinem
Herzen. Ich hänge an ihm mit meinem Herzen. Meine Hände sind frei,
dementsprechend zu arbeiten, verbunden mit Gott, für Gott und für
seine Projekte. Das Herz Gottes und mein Herz sind durch seine Liebe zu
mir fest verbunden, aber auch, weil ich diese Liebe erfahren habe und
weil ich nun darauf antworte.
„und lasse nicht
mehr los!“
Erfahrung verlangt
nach einem Entschluss. Was ich erfahren habe, kann in meinem Leben nicht
ohne Folgen bleiben. Sobald das Herz voll ist, fängt es zum Überlaufen
an, reichlich, aufrichtig, stark und bedingungslos. Der Entschluss,
nicht mehr loszulassen, klingt nicht sehr psychologisch. Wie oft muss
ich Dinge loslassen? Ich kann alles loslassen, nicht aber Ihn, Gott,
seine Liebe. Ihn nicht loslassen bedeutet Verfügbarkeit für jeden
anderen, für alles andere. Seine Liebe schränkt nicht ein, sie weitet
– das ist das Geheimnis des Oblatenlebens. Die Entscheidung, sich an
Ihn festzuklammern, befreit mich. Ich werde verfügbar, ich kann mich
hingeben, aufopfern, ich werde ein Oblate (offere = opfern), und ich
lebe. Ich habe ihn gepackt und ich lasse nicht mehr los. Niemals.
P. Sebastian
Leitner OSFS
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