Franz von Sales


      ANLEITUNG ZUM FROMMEN LEBEN

      Philothea



      © Franz-Sales-Verlag, Eichstätt und Wien, 1959

      Nach der vollständigen Ausgabe der Oeuvres des Saint FRANçOIS DE SALES der Heimsuchung Mariä zu Annecy (1892-1931)

      herausgegeben von den Oblaten des hl. Franz von Sales unter Leitung von P. Dr. Franz Reisinger OSFS.

      Das Original hat den Titel:

      INTRODUCTION A LA VIE DEVOTE.

      Aus dem Französischen übertragen und erläutert hat es P. Dr. Franz Reisinger OSFS.

      ISBN 3-7721-0000-7

      Alle Rechte vorbehalten.


      FRANZ VON SALES - EIN LEBENSBILD

      Es ist keineswegs als Einschränkung gedacht, wenn wir feststellen, daß Franz von Sales nicht Schriftsteller von Beruf war; wie könnte er sonst zu den Klassikern der französischen Literatur zählen und von den Humanisten als einer ihrer Großen in Anspruch genommen werden? Diese Feststellung kann nur bedeuten, daß seine Persönlichkeit nicht mit literarischem Maßstab zu messen ist. Die meisten seiner 26 Bände umfassenden Werke sind als ³Nebenprodukt" seines Wirkens als Priester, Bischof, Seelenführer und Reformator entstanden; selbst seine eigentlichen ³Werke" schrieb er in den kargen Stunden, die er seinen aufreibenden Pflichten förmlich abgelistet hat. Es ist darum ehrlich gemeint, wenn er betont, daß ihm die Muße fehlte, sie literarisch zu feilen.

      So besehen, erscheinen seine Schriften als Zeugnis und Ausstrahlung einer ungewöhnlich reichen Persönlichkeit weit über den Kreis seines Lebens hinaus. Sie strömen heute noch Leben aus und sprechen lebendiger an als die glänzendste Biographie. Deshalb halten wir es für angezeigt, der deutschen Ausgabe seiner Werke ein kurzes Lebensbild ihres Urhebers vorauszuschicken. Wer sich eingehend mit Franz von Sales und seinem Lebenskreis befassen will, dem empfehlen wir die im Franz Sales Verlag erschienenen Biographien:

      Etienne-Jean Lajeunie, FRANZ VON SALES - Leben, Lehre, Werk.
      Angela Hämel-Stier, FRANZ VON SALES. Der Heilige der Harmonie. Ein Lebensbild.
      Hans Berghuis, NICHTS SO SEHR ALS MENSCH. Franz von Sales, der liebenswürdige Heilige.
      Peter Ebner, DIE LIEBE GENÜGT. Franz von Sales - Erzählungen.
      André Ravier, WORAN FRANZ VON SALES GLAUBTE.

      Der Rahmen seines Lebens.

      Franz von Sales ist geboren zu Thorens in Savoyen im Jahre 1567. Nach humanistischen Studien in La Roche und Annecy widmete er sieben Jahre dem Studium der Rhetorik und Philosophie in Paris, weil sein Vater es so bestimmte, und der Theologie, weil er damals schon entschlossen war, Priester zu werden. Dann studierte er in Padua bürgerliches und kirchliches Recht, wieder aus Gehorsam gegen seinen Vater, und krönte seine Studien mit dem Doktorgrad beider Rechte; nebenher vertiefte er seine theologischen Kenntnisse.

      Im zähen Ringen erlangte er schließlich von seinem Vater die Zustimmung zu dem von ihm seit langem erwählten Beruf und empfing im Jahre 1593 die Priesterweihe. Schon vom nächsten Jahr an wirkte er an der Missionierung der Provinz Chablais, bis ihn sein Bischof 1597 zu seinem Koadjutor erwählte. Nun folgte eine Reise nach Rom und ein längerer Aufenthalt in Paris, der für die aszetische Entwicklung des Heiligen von größter Bedeutung war.

      Nach dem Tod des Bischofs Granier empfing er 1602 die Bischofsweihe. Er führte den Titel ³Fürstbischof von Genf", residierte aber in der kleinen Stadt Annecy. Dort gründete er 1610 den Orden von der Heimsuchung Mariä, 1622 starb er zu Lyon, wurde 1661 selig- und 1665 heiliggesprochen. Im Jahre 1877 erhob ihn Pius IX. zum Kirchenlehrer, 1923 erklärte ihn Pius XI. zum Patron der katholischen Schriftsteller.

      Die Bedeutung des Heiligen.

      Sie ist so vielseitig, daß es nicht möglich ist, mehr als eine unvollständige Skizze davon in diesem Rahmen zu geben.

      Der Missionar bekehrte in mehrjähriger schwerer Arbeit, unter den größten Schwierigkeiten, wiederholt durch Mörderhand mit dem Tode bedroht, eine ganze Provinz zum katholischen Glauben. Bemerkenswert ist nicht nur sein heldenhafter Mut und die Zähigkeit (eineinhalb Jahre hatte er so gut wie keinen Erfolg), sondern auch die Vielseitigkeit der modern anmutenden Mittel, die er dabei anwandte (Predigten in der Kirche und im Freien, öffentliche Streitgespräche, Flugschriften, Plakate, nächtliche Aussprachen) und die liebenswürdige, menschlich feine Art seines Umgangs auch mit seinen Gegnern, die ihm schließlich die Achtung und Zuneigung aller gewann.

      Der Bischof. Unerhörte Arbeitsleistung und edle Volkstümlichkeit kennzeichnen sein Wirken. Er predigt bei jeder Gelegenheit, hält selbst Katechesen für die Kinder, hört viele Stunden Beichte in seiner Kathedrale und auf seinen Visitationsreisen, beseitigt energisch Mißstände im Klerus und unter den Gläubigen. Der Zugang zu ihm steht allen offen, in seinem Haus in Annecy wie auf seinen Reisen. Seinem Klerus gibt er klare Weisungen für die Seelsorge, vor allem durch das Beispiel seiner Heiligkeit und seines unermüdlichen Eifers. Bei seinem Tod ist sein Bistum umgewandelt, bildet ein festes unerschütterliches Bollwerk gegen Irrtum und Unglauben. Doch dieses Bistum genügt seinem Eifer nicht.

      Er gilt als der beste Kanzelredner seiner Zeit. Paris, Toulouse, Dijon, Chambèry und andere Städte wollen ihn hören. Er schlägt keine Einladung ab, das Wort Gottes zu verkünden, und überall sind seine Kanzel, sein Beichtstuhl und Sprechzimmer umlagert. In seinen Predigten entwickelt er die katholische Lehre ruhig, schlicht, in herzgewinnender Weise. Selten spricht er gegen den protestantischen Irrtum, und doch bekehren sich viele Irrgläubige; so überzeugend wirkt die lichtvoll dargelegte Wahrheit. Was er wollte, hat er selbst einem berühmten Zeitgenossen erklärt: alloqui hominem, den Menschen ansprechen. In dieser herzlichen Zwiesprache mit seinem Hörer wie in der Heiligkeit des Predigers liegt wohl das Geheimnis der Durchschlagkraft seiner Rede.

      Der Seelenführer. Viele von denen, die er bekehrt oder denen er die Notwendigkeit eines christlichen Lebens erschlossen hat, bitten ihn um Rat. Er antwortet gern. Trotz seiner aufreibenden Tätigkeit findet er noch Zeit, täglich viele Briefe zu schreiben, darunter ganze Abhandlungen. Nach den eidlichen Aussagen seiner Hausgenossen gehen Tag für Tag 20 bis 25, manchmal auch 40 bis 50 Briefe von seiner ³Werkstatt", wie er selbst scherzhaft sagt, hinaus. So verbreitet und vertieft sich der Einfluß ins Unendliche, den er durch seine Predigten gewonnen. Franz von Sales ist nicht nur einer der glänzenden Brief-Stilisten seiner Zeit, sondern vor allem ein Meister der Seelenführung. Liebevoll versenkt er sich in jede Seele, die ihm ihren Zustand, ihren guten Willen und ihre Not offenbart; jede leitet er mit großer Ehrfurcht vor ihren gottgegebenen Anlagen, vor der Gnadenführung des Heiligen Geistes und der ³Freiheit der Kinder Gottes". Seine Seelenführung ist von hohen Grundsätzen getragen, sie bildet ein System von seltener Geschlossenheit, geht immer auf das Ganze, verlangt von jedem das Äußerste, dabei wirkt sie aber nie knechtend, verengend oder bedrückend.

      Der Schriftsteller. Ein Teil seiner Briefe, die Ratschläge für das religiöse Leben erhalten, geht von Hand zu Hand; man bittet den Heiligen, sie der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Daran dachte er selbst schon länger. So erscheint 1609 die ³Anleitung zum frommen Leben", allgemein bekannt unter dem Titel ³Philothea". Einige Jahre später (1616) erscheint ein zweites Meisterwerk aus seiner Hand, die ³Abhandlung über die Gottesliebe"; darin entwickelt er die philosophischen und theologischen Grundlagen seiner Frömmigkeit, in der Schilderung des Aufstiegs der Seele, des Gebetslebens und der Willensvereinigung mit Gott beschreibt er auch die höheren mystischen Zustände, in der begnadete Seelen von Gott erhoben werden.

      Diese zwei Bücher bilden die Bände 3 bis 5 der großen kritischen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, die zu Annecy von den Schwestern der Heimsuchung herausgegeben wurde.* (*OEUVRES DE SAINT François DE sales. Edition complete et définitive, publiée par les soins de Religieuses de la Visitation du premier Monastere d'Annecy. 1892-1931.) Band 1 und 2 sind Verteidigungsschriften der katholischen Kirche aus seiner Zeit als Missionar. Band 6 enthält die ³Geistlichen Gespräche", die der Heilige mit seinen Töchtern von der Heimsuchung hielt, von den Schwestern gewissenhaft nachgeschrieben und nach seinem Tod veröffentlicht. Die Bände 7 bis 10 enthalten Predigten des Heiligen, die er selbst niedergeschrieben oder skizziert oder seine Zuhörer aufgezeichnet haben. Die Bände 11 bis 21 enthalten die Briefe, die aus der gewaltigen Korrespondenz des Heiligen auf uns gekommen sind, die Bände 22 bis 26 kleinere Schriften des Heiligen. Ein Ergänzungsband steht noch aus.

      Der Patron der Schriftsteller. Pius XI. erklärt in seiner Enzyklika vom 26. Januar 1923, inwiefern Franz von Sales den Schriftstellern Vorbild sein muß: ³Sie müssen die mit Mäßigung und Liebe verbundene Kraft des hl. Franz von Sales in der Auseinandersetzung nachahmen und sich an sie halten. Denn der Heilige mahnt sie ausdrücklich, was ihre Aufgabe ist: daß sie nämlich die katholische Lehre mit aller Sorgfalt erforschen und nach Kräften beherrschen.; daß sie die Wahrheit nicht entstellen noch abschwächen oder verschweigen unter dem Vorwand, Anstoß bei den Gegnern zu vermeiden; daß sie selbst sorgfältig auf eine anmutende Form der Sprache bedacht sind, die Gedanken durch lichtvolle Ausdrucksweise so schön und schmuckvoll darstellen, daß die Leser Freude an der Wahrheit finden; wenn sie aber gegen jemand Stellung nehmen müssen, sollen sie es verstehen, die Irrtümer zurückzuweisen, aber stets so, daß sie sich als Männer rechter Seelenverfassung als vor allem vom Geist der Liebe getrieben erweisen."

      Der Kirchenlehrer. Schon zu Lebzeiten genoß er den Ruf eines Kirchenvaters, wie Zeitgenossen bezeugen. Die Brevier-Lesung besagt von ihm: ³Durch seine himmlische Lehre enthaltenden Schriften hat er die Kirche erleuchtet, er zeigt einen sicheren und ebenen Weg zur Vollkommenheit." Die Päpste Alexander VII, Klemens IX, Benedikt XIV. und andere feierten einmütig die hohe Autorität seiner Lehre. Es blieb nur noch die Krönung dieser Ausnahmestellung unter den katholischen Schriftstellern vorzunehmen durch die Erhebung zum Kirchenlehrer, die Pius XI. vollzog durch sein Breve vom 16. November 1877, in dem er feierlich erklärte: ³Die erste und unbedingt notwendige Eigenschaft für einen Kirchenlehrer ist, daß in seinen Schriften eine über das gewöhnliche Maß hinausgehende, himmlische Lehre erscheine, die durch den Reichtum und Glanz ihrer Beweiskraft auf die ganze Kirche neues Licht werfe und eine Heilsquelle für alle Gläubigen sei. Dieses Verdienst und dieser Ruhm gebühren in reichem Maße den Büchern des Bischofs von Genf."

      Der Ordensstifter. Franz von Sales ist der Vater eines der ruhmreichsten Orden der Kirche, des Ordens der ³Töchter der Heimsuchung Mariä" (im deutschen Sprachraum gern ³Salesianerinnen" genannt), der sich schon zu seinen Lebzeiten rasch entwickelte, nach seinem Tod in wenigen Jahren über die ganze katholische Welt ausbreitete, wunderbare Früchte der Heiligkeit hervorbrachte und hervorbringt. Einer Tochter dieses Orden, der hl. Margareta Maria Alacoque verdankt die Kirche die Verbreitung der Verehrung des heiligsten Herzens Jesu und damit den reichen Segen, der sich durch diese Verehrung über die gläubige katholische Welt ergießt. Auch heute noch ist dieser Orden von jugendlichem Leben und Eifer getragen und eine der herrlichen Zierden der katholischen Kirche.

      Der Heilige. Die Kirche hat ihn in feierlicher Weise zu einem ihrer großen Vorkämpfer und Vorbilder erklärt. Es genüge hier, das Zeugnis zweier Heiliger anzuführen, des hl. Vinzenz von Paul und der hl. Johanna Franziska von Chantal; beide erklärten, Franz von Sales sei das lebendige Ebenbild des Heilands gewesen.

      Die Werke des hl Franz von Sales

      Wie schon gesagt wurde, hat der Heilige relativ wenige Werke geschrieben und selbst herausgegeben: ³Die Anleitung zum frommen Leben" (Philothea) und die ³Abhandlung über die Gottesliebe" (Theotimus), die ³Verteidigung der Kreuzesfahne" und einige kleinere Schriften. Trotzdem umfaßt die neue kritische Ausgabe seiner Werke 26 Bände, ein 27. Band ist in Vorbereitung. Von vielen tausend Briefen, die er geschrieben, sind mehr als 1800 erhalten und füllen 11 stattliche Bände; zwei Bände enthalten seine selbst geschriebenen Predigten und Predigtentwürfe, vier Bände kleinere, zumeist noch nicht veröffentlichte Schriften und Notizen, ein band die von ihm niedergeschriebenen, aber nicht als Buch veröffentlichten ³Kontroversen".

      Gesammelte Werke des heiligen wurden bald nach seinem Tod veröffentlicht. Im 19. Jahrhundert gab zunächst Blaise (1821) die gesammelten Werke des Heiligen heraus, dann Vivès (1856-1858), schließlich Migne (1861). Diese Ausgaben sind freilich mit vielen Mängeln und Fehlern behaftet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entschloß sich das Kloster der Heimsuchung zu Annecy zu einer vollständigen und kritischen Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales; von 1892 bis 1937 erschienen die einzelnen Bände nach gründlicher Vorbereitung. Diese große Ausgabe liegt unserer deutschen Übersetzung zugrunde.

      Die vorliegende Deutsche Ausgabe.

      Die wichtigsten Werke des hl. Franz von Sales wurden bald nach seinem Tod auch ins Deutsche übersetzt, davon die ³Anleitung zum frommen Leben" in ungezählten Auflagen. In neuester Zeit gab Otto Karrer in vier Bänden ausgewählte (stark gekürzte) Schriften des hl. Franz von Sales (im Verlag J. Pfeiffer) heraus, eine andere geplante Sammlung der Schriften des hl. Franz von Sales ist nur bis zu zwei Bänden gediehen.

      Die jetzt vorliegende kritische Ausgabe der Werke des Heiligen ermöglicht nun eine deutsche Ausgabe der Werke des Heiligen, die seiner Bedeutung entspricht. Die großen Werke des Heiligen wurden nach der Ausgabe von Annecy übersetzt und ungekürzt wiedergegeben, die ³geistlichen Gespräche" nach der neuesten kritischen Ausgabe von 1930. Von den Predigten wird eine Auswahl getroffen, ebenso von den Briefen und den kleineren Abhandlungen. Diese Auswahl wird aber bestrebt sein, nichts Wesentliches von der Lehre des Heiligen zu übergehen und als Ganzes ein klares Bild des Seelenführers, Seelsorgers und Bischofs geben.

      Die Bände 1 und 2 dieser deutschen Ausgabe sind schon früher in mehreren Auflagen erschienen. Sie sind nun (teilweise verbessert) in die Sammlung aufgenommen und erscheinen in gleicher Ausstattung wie die übrigen Bände.


      Zur Einführung in die ³Anleitung zum frommen Leben."

      1. Ihre Entstehung.

      Der Aufenthalt des hl Franz von Sales zu Paris im Jahre 1602 und zu Dijon im Jahre 1604 bedeuten die Wende des Heiligen vom Apologeten zum Seelenführer.

      In Paris kam er mit heiligmäßigen Seelen und berühmten Seelenführern zusammen. Er konnte die Früchte seiner Studien und Erfahrungen mit denen anderer messen. Es waren Monate stillen Fragens, Lernens und Reifens, aus denen er mit fertigen Überzeugungen, mit einem vollständig ausgebauten System aszetischer Lehren und Methoden hervorging. Sofort nach diesem Aufenthalt in Paris setzten seine Briefe der Seelenführung ein, und schon in den ersten dieser Briefe tritt die charakteristische Eigenart des Heiligen im System wie in der Methode seiner Führung vollendet hervor.

      Bereits in Paris empfand er deutlich den Mangel eines Buches, das die Hauptlehren der Frömmigkeit für Weltleute zusammenfaßt. In Dijon lernte er 1604 eine Reihe hervorragender Menschen kennen, die sich unter seine Leitung stellten; ihnen schickte er nicht nur Briefe, sondern auch kleine Abhandlungen, die sie untereinander austauschen sollten. Im gleichen Jahr stellte sich auch Frau von Charmoisy unter seine Seelenleitung. Wie den anderen sandte auch ihr der Heilige nicht nur einzelne Ratschläge, sondern eine Reihe von Abhandlungen über verschiedene wichtige Fragen des geistlichen Lebens (vgl. Vorwort).

      Wir dürfen wohl annehmen, daß dem Heiligen bei Abfassung dieser ausgedehnten Arbeiten der Gedanke, sie einmal in ein großes Werk zusammenzufassen, vorschwebte. Den unmittelbaren Anstoß dazu gab Frau von Charmoisy; sie zeigte diese Abhandlungen dem Pater Fourier SJ., der von ihnen so begeistert war, daß er den Heiligen drängte, sie zu veröffentlichen. Franz von Sales verlangte die Abhandlungen von Frau von Charmoisy zurück, sah sie durch, fügte verschiedenes hinzu und konnte im August 1608 das fertige Werk an den Buchdrucker Thibaut nach Lyon schicken; dort erschien es Ende 1608 oder Anfang 1609. Franz von Sales hat selbst noch weitere vier Auflagen vorbereitet; schon die zweite war bedeutend reichhaltiger. Die 5. Auflage (1619), der unsere Überzeugung folgt, enthält 16 Kapitel mehr als die erste Auflage, sie war auch sonst in vielen Teilen erweitert.

      2. Ihr Erfolg.

      Dem Buch war ein außerordentlicher Erfolg beschieden. Im Jahre 1620 konnte der Heilige schreiben, daß sie bereits mehr als vierzigmal allein in französischer Sprache gedruckt worden war. In rascher Folge kamen die Übersetzungen; im Jahre 1656 gab es solche bereits in 17 Sprachen. Zeitgenossen bezeugen, daß die Buchhändler kaum die benötigte Zahl von Exemplaren beschaffen konnten. Der hl. Vinzenz von Paul sagt im Heiligsprechungsprozeß des hl. Franz von Sales aus, daß man überall auf ihn hinwies mit den Worten: ³Das ist der große Bischof Franz von Sales, der die Anleitung zum frommen Leben geschrieben hat." Im Jahre 1651 berichtet der Gesandte des Herzogs von Savoyen, daß am kaiserlichen Hof in Wien alle fürstlichen Persönlichkeiten, Herren und Damen die Anleitungen stets zur Hand hatten. (s. Oeuvres, Band 3, XXIV, Anm.).

      Die Päpste wetteiferten im Lob der ³Anleitung". Es genüge, hier anzuführen, was Pius IX. im Breve vom 28. Dezember 1877 schreibt: ³Franz von Sales hat in seiner Anleitung die Tugend in lebhaften Formen gemalt, hat schlechte Wege gerade gemacht, holperige geebnet, allen getreuen Christi einen so leichten Weg zu Ihm hin gezeigt, daß seither die Frömmigkeit überallhin ihr Licht verbreitet..." Pius XI. schreibt in der Enzyklika vom 26. Januar 1923: ³Möge dieses Buch, das die Zeitgenossen in jenen Tagen für das vollkommenste in seiner Art hielten, auch heute von allen durchgearbeitet werden, wie es zuvor so lange Zeit hindurch in den Händen aller war; dann würde die christliche Frömmigkeit bei allen Völkern wieder emporkommen und die Kirche Gottes würde sich über die gemeinsame Heiligkeit ihrer Kinder freuen..."

      Vor der Größe dieses Buches beugen sich nicht nur die Wortführer der katholischen Religion. Zur Zeit seines Heiligsprechungsprozesses berichteten zeugen unter Eid, daß im kalvinistischen Genf, das ihn zu seinen Lebzeiten so heftig bekämpft und gehaßt hatte, nun die ³Anleitung" in keinem guten Haus fehlte. Der gleiche begeisterte Empfang wurde dem Buch auch im protestantischen England zuteil (s. Oeuvres, Band 3, XXVIII f).

      3. Vorurteile.

      Im deutschen Sprachgebet wird die ³Anleitung zum frommen Leben" gern ³Philothea" genannt. Hier ist dieser Name nur als Untertitel genannt. Wir hoffen damit auch beizutragen, daß ein Vorurteil verschwindet, dem leider auch manche Vorreden neuerer Übersetzungen Nahrung geben: die Anleitung sei nur oder besonders für Frauen geschrieben. Schon Franz von Sales glaubte, sich gegen diese Auffassung verwahren zu müssen. Wer die ³Anleitung" wirklich genau kennt und ebenso durch eine jahrelange seelsorgliche Betreuung von Männern Kenntnis der männlichen Seele besitzt, wird wissen und immer wieder erfahren, wie überaus wertvoll die zeitlos gültigen Ratschläge des Heiligen für Männer ebenso wie für Frauen sind.

      Ein weiteres Vorurteil, die ³Anleitung" sei nur für Anfänger im geistlichen Leben geschrieben, erledigt sich bei genauerer Kenntnis des Buches von selbst. Den Anfängern ist nur der erste Teil der ³Anleitung" gewidmet, und sogar darin gibt es vieles, was jedermann angeht (z. B. Kapitel 1 bis 4, 22 bis 24). Die vier übrigen Teile behandeln Fragen, die uns alle das ganze Leben hindurch beschäftigen, Aufgaben, die uns immer gestellt sind, Gefahren, die uns dauernd bedrohen, auf welcher Stufe des geistlichen Lebens wir stehen und welchen Standes immer wir sein mögen. Die ³Anleitung" ist wohl für den Christen überhaupt geschrieben, nicht für Mönche und Priester im besonderen, hat aber auch diesen Wesentliches zu sagen, wie ja auch das Evangelium die Norm für jeden Christen ist, ebenso aber auch für Priester und Ordensleute Richtschnur ihres Strebens nach Vollkommenheit.

      4. Die neue Übersetzung.

      Wir legen hier eine neue Übersetzung der ³Anleitung" vor, bemüht, den Gedankeninhalt dieser berühmten Schrift auf das genaueste wiederzugeben, ohne allerdings sklavisch am Wort zu hängen. Worte haben ja nicht immer den gleichen Sinngehalt in den verschiedenen Sprachen, so daß eine wörtliche Übersetzung oft den Sinn unrichtig wiedergibt.

      Das soll freilich nicht heißen, daß der Übersetzer frei schalten und walten dürfe unter dem Vorwand, Franz von Sales hätte heute anders geschrieben als zu seiner Zeit. Es handelt sich hier um einen Klassiker unserer Religion, um das Werk eines Kirchenlehrers. Es kann nicht gestattet sein, unter seinem Namen eigene Ansichten zu verbreiten, mögen sie auch noch so richtig und zeitgemäß sein. Wenn auch nicht wortgetreu, so muß die Übersetzung doch absolut sinngetreu sein.

      Wir sehen keinen Grund, von den vielgeschmähten Vergleichen abzurücken, die der Heilige naturwissenschaftlichen Anschauungen seiner Zeit entnimmt. Jedermann weiß, daß Franz von Sales um die Wende des 17. Jahrhunderts geschrieben hat und nicht im 20. Jahrhundert. Kein vernünftiger Leser wird daran Anstoß nehmen, daß seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse nicht die unserer Zeit sind. Beispiele und Vergleiche sind nichts anderes als Bilder, mit denen er die Wahrheit anschaulich macht. Und wer möchte Bilder missen wie das von den zwei Herzen der Wachteln von Paphlagonien oder das Bild vom Mandelkern mit den eingekerbten Worten und so viele andere, die wissenschaftlich wohl unrichtig, aber so überaus anschaulich sind? Wir haben in der Übersetzung alle diese Bilder beibehalten, ausgenommen ganz wenige unübersetzbare.

      Großes Gewicht legten wir auf die Herausstellung des Gedankenganges und des Gedankeninhalts. Dazu dienen typographische Mittel, wie Gliederung des Textes in kleine Abschnitte und Hervorhebung durch Kursivdruck, ferner Anmerkungen, die auf beachtenswerte Gedanken aufmerksam machen sollen, die wegen der schlichten anspruchslosen Darstellung des Heiligen leicht übersehen werden.

      Man hat in den letzten Jahren viel von der Notwendigkeit einer Laienaszetik gesprochen. Hier liegt sie vor uns, geschrieben von berufenster Hand. Mögen viele katholische Männer und Frauen der oben angeführten Mahnung des Heiligen Vaters Pius XI. folgend die ³Anleitung" oft durchlesen, durchbetrachten und ihre Weisungen auszuführen suchen"; so werden sie ihren Wert erkennen und reichen nutzen daraus ziehen. Dies ist der sehnliche Wunsch des Übersetzers und seiner Helfer, zugleich reicher Lohn für ihre Mühen.

      P. Dr. Franz Reisinger OSFS


      Weihegebet

      Gütiger Jesus, mein Herr, mein Heiland und mein Gott! Ich lege dieses Werk zu Deinen Füßen nieder und weihe es Deiner Ehre.

      Belebe seine Worte durch Deinen Segen, damit die Seelen, für die ich es verfaßt habe, daraus die heiligen Eingebungen empfangen, die ich ihnen wünsche.

      Mögen sie vor allem Dein unendliches Erbarmen auf mich herabrufen, daß ich nicht anderen den Weg zur Frömmigkeit hienieden zeige und selbst im anderen Leben verworfen und auf ewig zuschanden werde.

      Laß mich mit ihnen ohne Ende den Triumphgesang singen, dieses herrliche Wort, das ich von ganzem Herzen als Treuegelöbnis inmitten dieses unsteten Lebens ausspreche:

      Es lebe Jesus! Es lebe Jesus!

      Ja, Herr Jesus. lebe und herrsche in unseren Herzen von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


      Vorwort

      Mein lieber Leser, ich bitte dich, lies dieses Vorwort zu deiner und meiner Befriedigung.

      Die Blumenbinderin Glykera verstand es so geschickt, ihre Blumen auf mannigfaltige Art zusammenzustellen, daß der Maler Pausias, der die verschiedenen Sträuße zu malen versuchte, nicht imstande war, ihre stets neue Farbenpracht so auf die Leinwand zu bringen, wie sie Glykera durch geschickte Anordnung der Blumen hervorzauberte.

      So ist es auch mit den Unterweisungen für das geistliche Leben. Alle Diener Gottes tragen in ihren Predigten und Schriften die gleichen Lehren über die Frömmigkeit vor; unter der Leitung des Heiligen Geistes bringt sie aber jeder in anderer Anordnung und Zusammenstellung. Bei völlig gleichbleibender Lehre sieht daher die Darstellung immer wieder anders aus und wirkt auch anders.

      Auch ich will in dieser Anleitung das gleiche sagen wie meine Vorgänger, die über diesen Gegenstand schrieben. Ich biete Dir, lieber Leser, dieselben Blumen an wie sie. Mein Strauß wird aber anders aussehen, weil ich die Blumen anders zusammengestellt habe.1

      Die vor mir über die Frömmigkeit schrieben, hatten fast ausnahmslos Leser im Auge, die ein Leben fern von weltlichen Geschäften führten, oder solche, die sie zur Weltflucht bewegen wollten. Ich dagegen will gerade jenen helfen, die in der Stadt, im Haushalt oder bei Hof leben und durch ihren Stand notwendigerweise oft mit anderen zusammenkommen.2 Bei ihnen findet man oft die irrige Ansicht, ihnen sei das Streben nach Frömmigkeit unmöglich; sie wollen daran also nicht einmal denken.

      * * *

      Kein Tier wagt den Kern der sogenannten ³Palma Christi" auch nur mit der Zunge zu berühren; so meinen auch diese Menschen, sie dürften nicht wagen, nach der Palme der christlichen Frömmigkeit zu streben, solange sie unter dem Druck irdischer Geschäfte stehen.

      Ich frage Dich aber: Liegt nicht die Perlmutter im Meer, und läßt doch nicht einen Tropfen Meerwasser eindringen? Sprudeln nicht bei den Chelidonischen Inseln Süßwasserquellen aus Meerestiefen empor? Fliegt nicht der Feuervogel mitten durch die Flammen, ohne sich die Flügel zu versengen? - So will auch ich Dir zeigen, wie Menschen von starkem Charakter in der Welt leben können, ohne weltliches Wesen anzunehmen; wie sie inmitten der Flammen irdischer Begierlichkeit weilen können, ohne sich die Schwingen heiliger Sehnsucht nach der Frömmigkeit zu versengen; wie sich inmitten der bitteren Flut des Weltlebens ihnen Quellen erquickenden Wassers erschließen.

      Ich weiß wohl, das ist nicht leicht. Deshalb möchte ich, daß mehr Sorgfalt, mehr Eifer als bisher darauf verwendet werde. Das ist auch der Grund, warum ich trotz meiner Unfähigkeit versucht habe, in dieser Schrift allen jenen eine kleine Handhabe zu bieten, die sich hochherzig an diese hohe Aufgabe wagen.

      * * *

      Trotzdem erscheint diese Anleitung nicht etwa, weil ich mich aus eigenem Antrieb dazu entschlossen hätte. Vielmehr ersuchte mich eine tugendhafte Seele,3 die durch Gottes Gnade ein frommes Leben anstrebt, ihr dabei zu helfen. Ich war ihr verpflichtet und habe schon seit langem eine gute Anlage für dieses Vorhaben bei ihr bemerkt. So unterwies ich sie eingehend, lenkte sie durch Übungen entsprechend ihrem Wunsch und Stand und übergab ihr verschiedene Abhandlungen, die sie nach Bedarf durchlesen konnte. Ein frommer und gelehrter Ordensmann, dem sie diese Unterweisungen zeigte, war der Ansicht, sie könnten auch anderen von Nutzen sein. Er ermunterte mich sehr, sie zu veröffentlichen. Da seine Freundschaft viel über mich vermag und sein Urteil für mich maßgebend ist, gelang es ihm leicht, mich zu überreden.

      Um diese Abhandlungen nützlicher und ansprechender zu machen, habe ich alles durchgelesen, geordnet, zweckmäßige Unterweisungen und Bemerkungen hinzugefügt. Dazu stand mir aber wenig Zeit zur Verfügung. Du wirst daher nicht etwas Vollendetes finden, sondern eine Reihe gutgemeinter Ratschläge, die ich möglichst klar und verständlich darzustellen suchte. An eine schöngeformte Sprache wagte ich nicht einmal zu denken, denn ich hatte genug anderes zu tun.

      Ich rede meinen Leser mit ³Philothea" an. Was ich zuerst einer Seele schrieb, sollte nun mehreren dienen; deshalb wählte ich einen Namen, der allen gemeinsam ist, die nach Frömmigkeit streben. Philothea bedeutet ja ³Gott liebende Seele".4

      * * *

      Mit meiner Anleitung wende ich mich also an einen Menschen, der fromm sein will und nach der Gottesliebe strebt. Im ersten Teil bemühe ich mich, durch Erwägungen und Übungen den einfachen Wunsch dieses Menschen in einen festen Entschluß umzuwandeln, den er nach einer Generalbeichte in eine feierliche Erklärung faßt und mit der heiligen Kommunion besiegelt. Damit gibt er sich dem Heiland hin, empfängt ihn und hat dadurch das Glück, in den Bereich seiner heiligen Liebe zu treten.

      Um ihn auf diesem Wege weiterzuführen, zeige ich ihm zwei Hauptmittel, die ihn immer mehr mit der göttlichen Majestät vereinigen: Durch die heiligen Sakramente steigt Gott in seiner Güte zu uns herab, durch das Gebet zieht er uns zu sich empor. Darauf verwende ich den zweiten Teil meines Buches.

      lm dritten Teil zeige ich ihm, wie er sich in den verschiedenen Tugenden üben soll, die seinem inneren Fortschritt besonders förderlich sind. Hier halte ich mich länger nur bei einigen Ratschlägen auf, die er nicht leicht anderswo oder von selbst finden könnte.

      lm vierten Teil decke ich einige Fallstricke seiner Feinde auf und zeige ihm, wie er ihnen entgehen und sie überwinden kann.

      lm fünften Teil schließlich lade ich diesen Menschen ein, ein wenig in die Einsamkeit zu gehen. Hier soll er sich wieder auffrischen, Atem schöpfen und seine Kräfte erneuern. Dann vermag er um so kräftiger auszuholen und in der Frömmigkeit voranzukommen.

      * * *

      Wir leben in einer sonderbaren Zeit. Ich sehe voraus, daß manche sagen werden, um die persönliche Seelenführung sollten sich die Ordensleute und Aszeten annehmen; sie nehme mehr Zeit in Anspruch, als ein Bischof zur Verfügung habe, auf dem die Sorge für eine so schwierige Diözese lastet; außerdem nehme sie den Geist zu sehr in Anspruch, der auf wichtigere Dinge gerichtet sein sollte.

      Mit dem großen hl. Dionysius sage ich dir: Es ist in erster Linie Aufgabe der Bischöfe, die Seelen zur Vollkommenheit zu führen, da sie unter den Menschen den ersten Rang einnehmen, wie die Seraphim unter den Engeln. Sie können daher ihre freien Augenblicke nicht besser verwenden als auf diese Aufgabe. Die Bischöfe der ersten christlichen Jahrhunderte nahmen die Pflichten ihres Amtes nicht leichter als wir; trotzdem übernahmen sie die Seelenleitung bestimmter Menschen, die sie um Hilfe baten, wie wir aus ihren Briefen ersehen. Darin folgten sie den Aposteln, die wohl das große Saatfeld der Kirche bestellten, einzelner Ähren sich aber in besonderer Weise annahmen. So waren Timotheus, Titus, Philemon, Onesimus, Thekla, Appia die geliebten Kinder des hl. Paulus, Markus und Petronilla die des hl. Petrus; Petronilla war ja, wie Baronius und Galonius nachweisen, nicht die leibliche, sondern geistliche Tochter des hl. Petrus. Schreibt nicht auch der hl. Johannes einen seiner kanonischen Briefe an die fromme Frau Elekta?

      Ich gebe zu, es kostet Mühe, einzelne Seelen zu führen; aber es ist eine Mühe, die erquickt. Sie gleicht jener der Schnitter und Winzer, die nie zufriedener sind, als wenn sie sehr viel Arbeit haben. Es ist eine Arbeit, die durch ihre Schönheit das Herz derer stärkt und erquickt, die sie unternehmen. Um die Tigerkatze abzulenken, läßt der Jäger eines ihrer Jungen auf dem Wege liegen, während er die anderen davonträgt; findet sie es, dann packt sie es und wird in ihrem Lauf dadurch nicht behindert, sondern nur behender, so schwer es auch sein mag, denn die Liebe macht ihr die Last leicht. Um wieviel lieber wird ein väterliches Herz sich einer Seele annehmen, in der es den Wunsch nach Vollkommenheit festgestellt hat, wird sie mit Freuden tragen, wie eine Mutter ihr Kindlein, ohne die Schwere dieser geliebten Last zu spüren. Aber es muß wirklich ein väterliches Herz sein. Deshalb nannten die Apostel und die apostolischen Männer ihre Schüler nicht nur Kinder, sondern ganz zärtlich ³Kindlein".

      * * *

      Im übrigen, lieber Leser, ist es wohl wahr, daß ich über die Frömmigkeit schreibe, ohne selbst fromm zu sein, aber gewiß nicht ohne den Wunsch, es zu werden. Diese Liebe zur Frömmigkeit gibt mir den Mut, dich darin zu unterweisen; denn nach dem Ausspruch eines großen Schriftstellers ist ein guter Weg zu lernen das Studium, ein besserer das Hören, der beste aber das Lehren. Oft, schreibt der hl. Augustinus, empfängt man, indem man gibt. Wer zu lehren hat, ist zu lernen gezwungen.

      Alexander der Große ließ die schöne Kampaspe, die ihm sehr teuer war, von Apelles malen. Dabei mußte dieser sie eingehend betrachten; so bohrte sich die Liebe zu ihr um so tiefer in sein Herz hinein, je deutlicher er ihre Züge auf seinem Gemälde ausführte. Bald liebte er sie so leidenschaftlich, daß Alexander es merkte. Aus Mitleid gab er sie ihm zur Ehe und begab sich seiner treuen Freundin aus Liebe zu Apelles. Damit, sagt Plinius, bewies er seine Seelengröße ebenso, als hätte er eine große Schlacht gewonnen. So scheint Gott von mir als Bischof zu verlangen, daß ich nicht nur die gewöhnlichen Tugenden in die Herzen der Menschen zeichne, sondern auch die Frömmigkeit, die ihm so teuer ist, die er sehr liebt. Ich will es gern unternehmen, um ihm zu gehorchen und meine Pflicht zu erfüllen, aber auch, weil ich hoffe, daß mein Herz in heiliger Liebe zur Frömmigkeit entflammt werde, wenn ich sie in den Herzen anderer einzuprägen suche. Sieht Gott mich aber von der Liebe zu ihr erfaßt, dann wird er mich ihr gewiß auf ewig vermählen.

      Weil die schöne, keusche Rebekka die Kamele Isaaks tränkte, wurde sie zu seiner Gemahlin erkoren und empfing von ihm goldene Ohrgehänge und Armspangen. Ich führe Gottes geliebte Schäflein zu den heiligen Wassern der Frömmigkeit; darum erhoffe ich mir von seiner unermeßlichen Güte, daß er meine Seele zu seiner Braut erhebe, an mein Ohr die goldenen Worte seiner heiligen Liebe dringen lasse und meinen Armen die Kraft verleihe, diese Liebe auch in der Tat zu verwirklichen; denn darin besteht doch das Wesen der wahren Frömmigkeit. So bitte ich seine göttliche Majestät, diese Frömmigkeit den Kindern seiner Kirche zu verleihen, der ich ja für immer meine Schriften, meine Handlungen, meine Worte, mein Wollen und mein Denken unterwerfe.

      Annecy, am Fest der hl. Magdalena l609.


      ERSTER TEIL

      Anweisungen und Übungen, um den ersten

      Wunsch nach einem frommen Leben in einen

      festen Entschluß umzuwandeln.

      1. Kapitel

      Was ist wahre Frömmigkeit?

      Du sehnst dich nach Frömmigkeit, denn als Christ weißt du, daß sie eine Tugend ist, die der göttlichen Majestät überaus gefällt. Kleine Fehler am Beginn eines Unternehmens wirken sich aber immer schlimmer aus, je weiter es fortschreitet; am Ende sind sie nicht wieder gutzumachen. Deshalb mußt du zunächst wissen, was die Tugend der Frömmigkeit ist.

      Es gibt nur eine wahre Frömmigkeit, an falschen und irrigen Spielarten dagegen eine ganze Reihe. Wenn du die echte nicht kennst, kannst du dich leicht verirren und einer unbrauchbaren, abergläubischen nachlaufen.

      Aurelius gab auf seinen Bildern den Frauen die Züge jener, die er liebte. So malt sich jeder gern seine eigene Frömmigkeit aus, wie er sie wünscht und sich vorstellt. Wer gern fastet, hält sich für fromm, weil er fastet, obgleich sein Herz voll Rachsucht ist. Vor lauter Mäßigkeit wagt er nicht, seine Zunge mit Wein, ja nicht einmal mit Wasser zu benetzen, aber er schrickt nicht davor zurück, sie in das Blut seiner Mitmenschen zu tauchen durch Verleumdung und üble Nachrede. - Ein anderer hält sich für fromm, weil er täglich eine Menge Gebete heruntersagt, obwohl er nachher seiner Zunge alle Freiheit läßt für Schimpfworte, böse und beleidigende Reden gegen Hausgenossen und Nachbarn. - Der eine entnimmt seiner Geldbörse gern Almosen für die Armen, aber er kann aus seinem Herzen nicht die Liebe hervorbringen, seinen Feinden zu verzeihen. - Der andere verzeiht wohl seinen Feinden, seine Gläubiger befriedigt er aber nur, wenn ihn das Gericht dazu zwingt.

      Gewöhnlich hält man alle diese Menschen für fromm, sie sind es aber keineswegs. Die Leute Sauls suchten David in seinem Hause; Michol legte in sein Bett eine Holzfigur, angetan mit Davids Kleidern, und täuschte ihnen vor, David liege krank darnieder (1 Sam 19,11ff). So umhüllen sich auch viele Leute mit bestimmten Handlungen, die zur heiligen Frömmigkeit gehören, und die Welt hält sie deswegen für fromme, religiöse Menschen. In Wirklichkeit besitzen sie aber nur den Schein der Frömmigkeit.

      Die wahre und lebendige Frömmigkeit setzt die Gottesliebe voraus; ja sie ist nichts anderes als wahre Gottesliebe. Freilich nicht irgendeine Liebe zu Gott; denn die Gottesliebe heißt Gnade, insofern sie unserer Seele Schönheit verleiht und uns der göttlichen Majestät wohlgefällig macht; sie heißt Liebe, insofern sie uns Kraft zu gutem Handeln gibt; wenn sie aber jene Stufe der Vollkommenheit erreicht, daß wir das Gute nicht nur tun, sondern es sorgfältig, häufig und rasch tun, dann heißt sie Frömmigkeit.

      Der Strauß fliegt nie; die Hühner können wohl fliegen, aber nur schwerfällig, selten und nicht hoch; der Adler aber, die Tauben und Schwalben fliegen oft, mit Leichtigkeit und erheben sich hoch in die Lüfte. So schwingt sich auch der Sünder nie zu Göttlichem auf; er lebt nur auf der Erde und für die Erde. Gute Menschen erheben sich, ehe sie die Frömmigkeit erreicht haben, wohl zu Gott durch gute Handlungen, aber selten, langsam und schwerfällig. Fromme Menschen dagegen schwingen sich zu stolzen Höhen empor, sie tun es gern, häufig und schnell. Mit einem Wort: Frömmigkeit ist nichts anderes als Gewandtheit und Lebendigkeit im geistlichen Leben. Sie läßt die Liebe in uns oder uns in der Liebe tätig werden mit rascher Bereitschaft und Freude. Die Liebe bewirkt, daß wir alle Gebote Gottes beobachten; die Frömmigkeit; daß wir sie hurtig und bis ins kleinste erfüllen. Wer also nicht alle Gebote Gottes erfüllt, kann weder als gut noch als fromm bezeichnet werden; denn um gut zu sein, muß man die Gottesliebe besitzen; um fromm zu sein, außer der Gottesliebe noch eine große Behendigkeit und rasche Bereitschaft zu ihren Werken.

      Die Frömmigkeit ist eine höhere Stufe der Liebe; darum läßt sie uns nicht nur die Gebote Gottes eifrig, entschlossen und gewissenhaft beobachten, sondern darüber hinaus noch in liebevollem Eifer viele gute Werke vollbringen, die nicht geboten, sondern nur empfohlen sind oder zu denen wir uns angetrieben fühlen.

      Ein Mensch, der erst vom Krankenlager aufgestanden ist, geht zwar herum, soviel es notwendig ist, aber nur langsam und schwerfällig. So schreitet auch ein Sünder nach seiner Bekehrung voran, soweit es Gottes Gebot verlangt, aber schwerfällig und mühsam. Hat er aber die Frömmigkeit erreicht, dann schreitet er nicht nur kräftig aus wie ein ganz gesunder Mensch, sondern er läuft mit Leichtigkeit den Weg der Gebote Gottes; ja er schlägt sogar die Pfade der evangelischen Räte und der Eingebungen ein. um auf ihnen mutig voranzustürmen.

      So unterscheidet sich die Frömmigkeit von der Gottesliebe nicht anders, als die Flamme vom Feuer. Wenn das geistliche Feuer der Liebe hohe Flammen schlägt, dann heißt es Frömmigkeit. Die Frömmigkeit fügt zum Feuer der Liebe nur die lodernde Flamme froher Bereitschaft, Entschlossenheit und Sorgfalt nicht nur in der Beobachtung der göttlichen Gebote, sondern auch himmlischer Ratschläge und Einsprechungen.1

      2. Kapitel

      Eigenart und Wert der Frömmigkeit.

      Als die Israeliten sich anschickten, ins Gelobte Land zu ziehen, sagte man ihnen, diese Gegend ³fresse seine Bewohner" (Num 13,32f), d. h. das ungesunde Klima kürze die Lebenszeit ab; ferner seien die Einwohner Ungeheuer, wie Heuschrecken fräßen sie andere Menschen auf. Ebenso verleumdet die Welt die heilige Frömmigkeit, soviel sie kann. Sie dichtet den Frommen ein verdrießliches, trauriges und verbittertes Gesicht an, dann behauptet sie, die Frömmigkeit mache griesgrämig und unausstehlich. Josua und Kaleb verkündeten laut, das Gelobte Land sei gut und schön, es zu besitzen, müsse eine Freude sein (Num 14,7f). So versichert uns der Heilige Geist durch den Mund der Heiligen und der Herr sagt es selbst (Mt 11,28): fromm leben ist schön, beglückend und liebenswert!

      Die Welt sieht die Frommen fasten, beten, Unrecht ertragen, den Kranken dienen, die Armen beschenken, Nachtwachen halten, ihren Zorn niederringen, ihre Leidenschaften bezähmen und überwinden, irdischen Vergnügungen entsagen und ähnliches, was schwer und hart erscheint. Die Welt sieht aber nicht die innere Frömmigkeit des Herzens, die all dies begehrenswert, schön und leicht macht. Beobachte die Bienen auf dem Thymian: Sie finden dort einen bitteren Saft, sie verwandeln ihn aber in süßen Honig, indem sie ihn aufnehmen. Das ist ihre besondere Fähigkeit. So fühlen die Frommen gewiß das Bittere an den Werken der Abtötung; sie werden ihnen jedoch süß und angenehm, während sie mutig an die Ausführung gehen. Feuer und Flammen, Rad und Schwert erschienen den Märtyrern wie Blumen und Düfte, eben weil sie fromm waren. Wenn nun die Frömmigkeit den schlimmsten Qualen und sogar dem Tod ihre Bitterkeit nimmt, was wird dann erst ihre Wirkung auf die Werke der Tugend sein!

      Der Zucker süßt unreife Früchte. Er nimmt aber auch reifen Früchten das Herbe oder Schädliche. Ebenso nimmt die Frömmigkeit der Abtötung das Bittere, verhindert aber auch, daß die geistlichen Freuden ihr schaden. Sie nimmt den Armen ihren Kummer, den Reichen die Gier, den Bedrängten die Trostlosigkeit, den vom Schicksal Begünstigten die Anmaßung; sie überwindet die Traurigkeit der Einsamen und die Ausgelassenheit in der Gesellschaft. Sie ist wie das Feuer im Winter, wie kühler Tau im Sommer. Sie weiß im Reichtum zu leben und sich in Armut zu schicken; Achtung und Verachtung sind ihr gleicherweise nützlich; sie nimmt mit gleicher Gelassenheit Freude und Schmerz hin. Zu all dem verleiht sie der Seele eine wunderbare Anmut.

      Betrachte die Jakobsleiter (Gen 28,12); sie ist ein treffliches Bild des frommen Lebens. Die beiden Holme stellen das Gebet dar, das uns die Gottesliebe erbittet, und die Sakramente, die sie uns mitteilen. Die Sprossen der Leiter sind die verschiedenen Stufen der Liebe, auf denen man von Tugend zu Tugend gelangt; auf ihnen steigt man herab, um den Mitmenschen zu helfen und sie zu ertragen, oder steigt empor (durch die Beschauung) zur Liebesvereinigung mit Gott.

      Betrachte jene, die auf der Leiter stehen: Es sind Menschen mit Engelherzen oder Engel mit menschlicher Gestalt. Sie sind nicht jung, sehen aber kraftvoll und gelenkig aus; sie haben Flügel, um sich durch das heilige Gebet zu Gott zu erheben, aber auch Füße, um mit den Menschen zu verkehren in heiligem, liebenswürdigem Wandel. Ihr Antlitz ist schön und heiter, sie nehmen alles in Ruhe und Sanftmut an. Das Haupt, die Füße und Arme sind unbedeckt, weil ihre Gedanken, Wünsche und Handlungen kein anderes Ziel verfolgen, als Gott zu gefallen. Im übrigen ist ihr Körper bedeckt mit einem schönen, leichten Gewand, weil sie sich wohl der Welt und ihrer Güter bedienen, aber in ganz reiner und gerader Absicht, und nur gebrauchen, was ihr Stand verlangt. Das sind die frommen Menschen.

      Glaube mir, die Frömmigkeit ist das Schönste, was es gibt. Sie ist die Königin der Tugenden, die Vollendung der Liebe. Ist die Liebe eine Pflanze, dann ist die Frömmigkeit ihre Blüte; ist sie ein Edelstein, dann ist die Frömmigkeit sein Glanz; ist sie ein kostbarer Balsam, dann ist die Frömmigkeit dessen Duft, ein lieblicher Duft, der die Menschen erquickt und die Engel erfreut.

      3. Kapitel

      Die Frömmigkeit paßt zu jedem Stand und Beruf.

      Bei der Schöpfung befahl Gott den Pflanzen, Frucht zu tragen, jede nach ihrer Art (Gen 1,11). So gibt er auch den Gläubigen den Auftrag, Früchte der Frömmigkeit zu tragen; jeder nach seiner Art und seinem Beruf. Die Frömmigkeit muß anders geübt werden vom Edelmann, anders vom Handwerker, Knecht oder Fürsten, anders von der Witwe, dem Mädchen, der Verheirateten. Mehr noch: die Übung der Frömmigkeit muß auch noch der Kraft, der Beschäftigung und den Pflichten eines jeden angepaßt sein.1

      Wäre es denn in Ordnung, wenn ein Bischof einsam leben wollte wie ein Kartäuser? Oder wenn Verheiratete sich so wenig um Geld kümmerten wie die Kapuziner? Kann ein Handwerker den ganzen Tag in der Kirche verbringen, wie die Mönche es tun? Dürfen anderseits Mönche aus beschaulichen Orden jedermann zur Verfügung stehen, wie es der Bischof muß? - Eine solche Frömmigkeit wäre doch lächerlich, ungeordnet, ja unerträglich. Solche Dinge kommen aber oft vor. Weltmenschen, die den Unterschied zwischen der Frömmigkeit und ihren Zerrbildern nicht kennen oder nicht kennen wollen, schmähen dann die Frömmigkeit, die wahrhaftig keine Schuld an solcher Unordnung trifft.

      Nein, echte Frömmigkeit verdirbt nichts; im Gegenteil, sie macht alles vollkommen. Verträgt sie sich nicht mit einem rechtschaffenen Beruf, dann ist sie gewiß nicht echt. Die Bienen, sagt Aristoteles, entnehmen den Blumen Honig, ohne ihnen zu schaden; sie bleiben frisch und unversehrt. Die echte Frömmigkeit schadet keinem Beruf und keiner Arbeit; im Gegenteil, sie gibt ihnen Glanz und Schönheit. Kostbare Steine erhalten einen höheren Glanz, jeder in seiner Farbe, wenn man sie in Honig legt. So wird auch jeder Mensch wertvoller in seinem Beruf, wenn er die Frömmigkeit damit verbindet. Die Sorge für die Familie wird friedlicher, die Liebe zum Gatten echter, der Dienst am Vaterland treuer und jede Arbeit angenehmer und liebenswerter.

      Es ist ein Irrtum, ja sogar eine Irrlehre, die Frömmigkeit aus der Kaserne, aus den Werkstätten, von den Fürstenhöfen, aus dem Haushalt verheirateter Leute verbannen zu wollen.

      Gewiß, die beschauliche und klösterliche Frömmigkeit kann in diesen Berufen nicht geübt werden. Aber es gibt ja außerdem noch viele Formen eines frommen Lebens, die jene zur christlichen Vollkommenheit führen, die in einem weltlichen Stand leben. Im Alten Bund sehen wir als Beispiele Abraham, Isaak, Jakob, David, Job, Tobias, Sara, Rebekka, Judith. Im Neuen Bund führten ein Leben vollkommener Frömmigkeit die Heiligen Josef, Lydia, Krispin in den Werkstätten, Anna, Martha, Monika, Aquila und Priszilla im Haushalt, Kornelius, Sebastian, Mauritius als Soldaten, Konstantin, Helena, der hl. Ludwig, der selige Amatus, der hl. Eduard auf dem fürstlichen Thron.

      Es ist sogar geschehen, daß Menschen ihre Vollkommenheit in der Einsamkeit verloren haben, obwohl sie für ein frommes Leben so geeignet ist, und sie inmitten der Gesellschaft bewahrt haben, die dafür wenig günstig erscheint. Von Lot sagt der hl. Gregor, er sei in der Stadt ganz keusch geblieben, in der Einsamkeit habe er seine Seele befleckt. Wo immer wir sind, überall können und sollen wir nach einem Leben der Vollkommenheit streben.

      4. Kapitel

      Für den Beginn des frommen Lebens und dessen Fortschritt ist ein Seelenführer notwendig.

      Der junge Tobias erhielt von seinem Vater den Auftrag, nach Rages zu gehen; er wandte ein, daß er den Weg nicht kenne. ³Geh also", sagte der Vater, ³und suche dir einen Führer" (Tob 5,2ff). Ich sage dir dasselbe: Willst du dich mit Vorbedacht auf den Weg der Frömmigkeit begeben, so suche dir einen vortrefflichen Mann als Führer und Berater. Das ist der dringlichste Rat. den ich dir geben kann. Was du auch suchst, sagt der fromme Avila, du wirst den Willen Gottes nirgends so sicher finden als auf dem Weg demütigen Gehorsams, den einst alle Frommen geübt und sehr empfohlen haben.

      Die hl. Theresia bewunderte die strengen Bußübungen einer Katharina von Cordona und wollte es ihr gleichtun. Der Beichtvater verbot es ihr, sie war aber versucht, ihm darin nicht zu gehorchen. Da sprach Gott zu ihr: ³Meine Tochter, du hast einen guten und sicheren Weg. Siehst du auf ihre Bußübungen? Ich liebe mehr deinen Gehorsam." Von da an liebte sie den Gehorsam so sehr, daß sie außer dem pflichtmäßigen Gehorsam gegen ihre Oberen noch einem vortrefflichen Priester Gehorsam gelobte und sich verpflichtete, seiner Führung und Leitung zu folgen; dies brachte ihr sehr viel geistliche Freude ein. Vor und nach ihr haben viele frommen Menschen ihren Willen einem Diener Gottes unterstellt, um sich dadurch besser dem heiligen Willen Gottes zu unterwerfen. Die hl. Katharina von Siena hebt das in ihren Zwiegesprächen lobend hervor. Die heilige Fürstin Elisabeth leistete dem Meister Konrad unbedingten Gehorsam, der große hl. Ludwig gab vor dem Tod seinem Sohn unter anderem diesen Rat: ³Geh oft zur heiligen Beichte, suche dir einen geeigneten, klugen Beichtvater, der dich mit Sicherheit in den Dingen unterweisen kann, die dir notwendig sind."

      ³Ein treuer Freund", sagt die Heilige Schrift, ³ist ein starker Schutz; wer ihn findet, hat einen Schatz gefunden. Ein treuer Freund ist ein Balsam für das Leben und für die Unsterblichkeit; wer Gott fürchtet, findet ihn" (Sir 6,14ff). Du siehst, wie diese Worte vor allem die Unsterblichkeit betreffen, für die wir einen treuen Freund brauchen. Durch seine Ratschläge und Weisungen leitet er unseren Wandel und schützt uns vor den Nachstellungen und Verführungen des bösen Feindes. Er wird uns ein Born der Weisheit in unseren Schwierigkeiten sein, wenn wir niedergeschlagen oder gefallen sind. Er wird uns Arznei sein, um das Herz in seinen seelischen Nöten aufzurichten und zu trösten. Er wird uns vor dem Übel bewahren und das Wohl unserer Seele fördern. Befällt uns eine Schwäche, so wird er verhindern, daß sie zum Tode führe, und wird uns wieder aufhelfen.

      Wer aber wird diesen Freund finden? Der Weise antwortet: ³Wer Gott fürchtet", das heißt der Demütige, der durchdrungen ist von der Sehnsucht nach geistlichem Fortschritt. Da ein guter Führer auf dem Weg der Vollkommenheit so wichtig ist, bete inständig zu Gott, daß er dir einen nach seinem Herzen schenke. Sei versichert: müßte Gott dir auch einen Engel vom Himmel schicken wie dem jungen Tobias, er wird dir einen guten und treuen Führer geben.

      Er soll dir aber wirklich wie ein Engel sein; das heißt: hast du ihn gefunden, so betrachte ihn nicht als gewöhnlichen Menschen; setze dein Vertrauen nicht auf seine Person noch auf sein menschliches Wissen, sondern auf Gott. Er wird dir seine Gunst erweisen und durch diesen Menschen zu dir sprechen, ihm das in Herz und Mund legen, was deinem Glück dient. Deshalb mußt du auf ihn wie auf einen Engel hören, der vom Himmel herabgestiegen ist, um dich emporzuführen. Sprich mit ihm ganz offen, aufrichtig und einfach. Zeige ihm mit aller Klarheit das Gute wie das Böse an dir, ohne etwas zu verschleiern oder zu verheimlichen. So wird das Gute in dir erprobt und gefestigt, das Schlechte gebessert und geheilt. In Schwierigkeiten wirst du Erleichterung finden; wenn geistliche Freude dich erfüllt, wird er dich Maß und Ordnung halten lehren.

      Bring ihm großes Vertrauen entgegen, verbunden mit heiliger Ehrfurcht, so daß die Ehrfurcht nicht das Vertrauen mindert, das Vertrauen dagegen die Ehrfurcht nicht verhindert. Vertrau dich ihm an mit der Ehrfurcht einer Tochter vor dem Vater; verehre ihn mit dem Vertrauen eines Sohnes zur Mutter. Mit einem Wort: diese Freundschaft soll ganz stark, aber milde sein, ganz heilig, göttlich und geistig.

      ³Suche dafür einen aus tausend", sagt Avila. Und ich sage: einen aus zehntausend! Denn es finden sich weniger, die für diese Aufgabe geeignet sind, als man glauben möchte. Er soll voll Liebe, Wissenschaft und Klugheit sein. Fehlt eine dieser Eigenschaften, so bist du in Gefahr. Aber ich wiederhole: Bitte Gott darum, und hast du ihn gefunden, so danke der Majestät Gottes. Bleib bei ihm und suche nicht nach einem anderen. Wandle vertrauensvoll in aller Einfalt und Demut. Dann wird deine Reise glücklich sein.

      5. Kapitel

      Die Läuterung der Seele ist das erste.

      Der Bräutigam im Hohen Lied spricht: ³Die Blüten im Lande sind aufgegangen, die Zeit zum Reinigen und Beschneiden ist da" (Hld 2,12). Was sind die Blüten unseres Herzens anderes als die guten Wünsche? Sobald sie sich zeigen, müssen wir das Messer zur Hand nehmen und aus unserem Gewissen alle toten und unnützen Werke entfernen. Wollte ein fremdes Mädchen einen Israeliten heiraten, so mußte es das Kleid der Unfreien ablegen, Nägel und Haare beschneiden (Dtn 21,12ff). Eine Seele, die nach der Ehre einer Braut des Gottessohnes strebt, muß den alten Menschen ablegen und den neuen anziehen (Eph 4,22ff). Sie muß sich von der Sünde abkehren, alles entfernen und herausschneiden, was der Gottesliebe hinderlich und schädlich ist.1 Sind wir von den unreinen Säften gereinigt, so ist dies der Anfang unserer Genesung.

      Der hl. Paulus wurde in einem Augenblick und vollständig geläutert; ebenso die hl. Katharina von Genua, Magdalena, Pelagia und einige andere. Eine derart plötzliche Läuterung ist ein Wunder und in der Gnadenordnung so außergewöhnlich, wie etwa die Erweckung eines Toten in der Ordnung der Natur; wir dürfen sie also nicht anstreben. Gewöhnlich geschieht die Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit.

      Die Engel auf der Jakobsleiter haben Flügel, sie fliegen aber nicht, sondern steigen die Stufen auf und ab, eine nach der anderen. Eine Seele, die von der Sünde zur Frömmigkeit emporsteigt, wird mit der Morgenröte verglichen (Spr 4,18), die nicht plötzlich, sondern nur allmählich die Finsternis vertreibt. Eine Heilung, die nur langsam vor sich geht, bezeichnet der Volksmund als die sicherste. Die Krankheiten der Seele wie des Leibes kommen wie zu Pferd im Galopp, ziehen aber zu Fuß und im Schritt ab.

      Bei diesem Beginnen mußt du also Mut und Geduld haben. Wie bedauernswert sind doch Menschen, die nach anfänglichem Bemühen um die Frömmigkeit merken, daß sie noch mit verschiedenen Unvollkommenheiten behaftet sind, darüber unruhig, verwirrt und mutlos werden und nahe daran sind, alles aufzugeben und sich wieder der Sünde zu überlassen!

      Andererseits ist für manche Menschen eine entgegengesetzte Versuchung gefährlich; sie reden sich selbst ein, daß sie schon vom ersten Tag an von allen Unvollkommenheiten frei seien; sie glauben fertig zu sein, ehe sie richtig angefangen haben; sie setzen zum Flug an, bevor ihnen Flügel gewachsen sind. ln welcher Gefahr eines Rückfalls schweben doch solche Menschen, weil sie sich zu früh den Händen des Arztes entzogen haben! ³Steh nicht auf, bevor es Tag geworden", sagt der Prophet; ³steh erst auf, nachdem du ausgeruht" (Ps 127,2). Er hielt sich daran; da er schon gewaschen und gereinigt war, betete er darum, es noch mehr zu werden (Ps 51,4).

      Das Bemühen um die Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden. Regen wir uns also nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere Vollkommenheit besteht eben darin, daß wir die Unvollkommenheiten bekämpfen. Wir können sie aber nicht bekämpfen, wenn wir sie nicht sehen; wir können sie nicht überwinden, wenn wir ihnen nicht begegnen. Unser Sieg besteht nicht darin, daß wir sie nicht wahrnehmen, sondern darin, daß wir uns ihnen nicht beugen. Der aber beugt sich ihnen nicht, der sie unangenehm empfindet. Zur Übung der Demut müssen wir wohl manchmal in diesem geistlichen Kampf verwundet werden; besiegt wären wir aber erst dann, wenn wir das Leben oder den Mut verloren hätten. Unvollkommenheiten und läßliche Sünden zerstören nicht das geistliche Leben; es geht nur durch die Todsünde verloren. Eines ist also notwendig: den Mut nicht verlieren! ³Befreie mich, Herr, von Feigheit und Mutlosigkeit" (Ps 55,17), betete David. Es ist ein Glück für uns, daß wir in diesem Krieg immer Sieger sind, solange wir nur kämpfen wollen. 2

      6. Kapitel

      Erste Reinigung: von der Todsünde.

      Die erste Reinigung, der wir uns unterziehen müssen, ist die von der Sünde. Das Mittel dazu ist das heilige Bußsakrament. Suche dir dafür den besten Beichtvater, den du finden kannst. Bediene dich eines Buches, das eine gute Anleitung zur Beichte enthält, wie Granada, Bruno, Arias, Auger. Lies es aufmerksam durch und merke dir im einzelnen, was du an Fehlern seit deiner Kindheit bis zur Stunde begangen hast. Kannst du dich auf dein Gedächtnis nicht verlassen, dann notiere, was du gefunden hast. Hast du auf diese Weise alles Sündhafte aus deinem Leben zusammengetragen, dann verabscheue und verwirf es durch die aufrichtigste Reue, deren dein Herz fähig ist. Erwäge, daß du durch diese Sünden die Gnade Gottes verloren, dem Himmel den Rücken gekehrt, die ewigen Peinen der Hölle verdient, auf die unendliche Liebe Gottes verzichtet hast.

      Du siehst wohl, daß ich von einer Generalbeichte über dein ganzes Leben spreche. Sie ist gewiß nicht immer unbedingt notwendig, sicher aber für den Beginn eines frommen Lebens sehr nützlich. Deswegen rate ich dir dringend dazu. Die gewöhnlichen Beichten der Durchschnittschristen sind ja leider oft sehr mangelhaft; sie bereiten sich nur oberflächlich vor oder sie haben nicht die erforderliche Reue. Viele gehen sogar zur Beichte mit der heimlichen Absicht, wieder zur Sünde zurückzukehren, denn sie sind nicht entschlossen, die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden, noch die notwendigen Mittel zur Besserung des Lebens anzuwenden. In all diesen Fällen ist eine Generalbeichte zum Heil der Seele notwendig.

      Darüber hinaus führt uns die Generalbeichte zur Selbsterkenntnis, erweckt in uns eine heilsame Scham über das vergangene Leben; Bewunderung für die Barmherzigkeit Gottes, die mit solcher Langmut auf unsere Bekehrung gewartet hat; sie beruhigt das Herz, nimmt eine Last von der Seele, läßt gute Vorsätze reifen und gibt unserem geistlichen Vater Anhaltspunkte zu guten Ratschlägen nach unseren persönlichen Bedürfnissen. Haben wir ihm einmal unser Herz geöffnet, dann können wir uns in späteren Beichten vertrauensvoll aussprechen. Durch den Entschluß, ein frommes Leben zu führen, soll ja die vollständige Erneuerung des Herzens und die Hingabe der ganzen Seele an Gott erzielt werden. Du siehst also, daß ich dir mit Recht zur Generalbeichte rate.

      7. Kapitel

      Zweite Reinigung: von der Anhänglichkeit an die Sünde.1

      Als die lsraeliten Ägypten verließen, waren nicht alle mit dem Herzen dabei. Deshalb trauerten viele von ihnen in der Wüste dem Fleisch und den Zwiebeln nach, die sie in Ägypten reichlich genossen hatten (Num 11,4.5). So gibt es auch viele Menschen, die sich nach außen von der Sünde abwenden, nicht aber innerlich. Sie wollen zwar nicht mehr sündigen, bedauern aber, daß sie den unseligen Genüssen der Sünde entsagen müssen. Sie verzichten auf die Sünde und entfernen sich von ihr, können aber nicht unterlassen, manchmal nach ihr umzuschauen, wie Lots Frau nach Sodoma (Gen 19,26). Sie enthalten sich der Sünde, wie die Kranken der Melonen; der Arzt drohte, sie müßten daran sterben, deshalb essen sie nicht davon; aber sie jammern, weil sie darauf verzichten müssen, sie reden immer wieder davon, sie verhandeln, ob man sie nicht versuchen könnte, sie möchten wenigstens daran riechen und preisen jene glücklich, die sie essen dürfen.

      So machen es auch schwache, unentschlossene Menschen; sie meiden zwar die Sünde, aber mit Bedauern. Sie möchten gern sündigen, wenn sie deswegen nicht verdammt würden. Sie reden gern voll Behagen von der Sünde und beneiden die Sünder.

      Da ist ein rachsüchtiger Mensch. In der Beichte verzichtet er wohl darauf, sich zu rächen; wenig später erzählt er unter Freunden mit Behagen von seinem Streit: Wäre er nicht gottesfürchtig, dann hätte er es seinem Widersacher schon gezeigt ! Das göttliche Gebot, seinen Feinden zu verzeihen, sei schon schwer; wie schön wäre es, wenn es erlaubt wäre, sich an ihnen zu rächen... Wer sieht nicht, daß dieser arme Mann zwar nicht gerade die Sünde begeht, aber ganz verstrickt ist in der Liebe zur Sünde? Er hat Ägypten dem Leibe, nicht aber dem Herzen nach verlassen, denn er sehnt sich nach dem Knoblauch und den Zwiebeln zurück. Damit gleicht er einer Frau, die wohl sündhafter Liebe entsagt hat, sich aber freut, wenn man ihr den Hof macht. - In welcher Gefahr befinden sich doch solche Menschen!

      Du willst ein frommes Leben führen. Daher mußt du nicht nur von der Sünde lassen, sondern auch aus deinem Herzen alle Bindungen zur Sünde entfernen. Die erbärmlichen Anhänglichkeiten setzen dich nicht nur der Gefahr aus, wieder in Sünde zu fallen, sie schwächen außerdem dauernd deinen Willen und hemmen ihn so sehr, daß er nicht fähig ist, das Gute rasch, sorgfältig und häufig zu tun; darin aber besteht doch das Wesen der Frömmigkeit.

      Menschen, die den Zustand der Sünde verlassen haben, aber noch diesen Anhänglichkeiten und Schwächen unterworfen sind, kommen mir vor wie bleichsüchtige Mädchen: Sie sind nicht krank, aber ihr ganzes Gehaben kränkelt; sie essen ohne Appetit, schlafen, ohne auszuruhen, lachen ohne Freude; statt zu gehen, schleichen sie förmlich dahin. Auch diese Menschen tun das Gute in einer Art geistiger Müdigkeit; damit nehmen sie ihren guten Werken alle Anmut, sie bringen überhaupt nur wenige und noch weniger wirksame zustande.

      8. Kapitel

      Wie geschieht diese Reinigung?

      Der erste Beweggrund für diese zweite Reinigung ist die lebendige und starke Überzeugung, daß die Sünde ein großes Übel ist, und eine tiefe, aufrichtige Reue als Folge dieser Erkenntnis. Ist diese Reue echt, so reinigt sie uns in Verbindung mit der Kraft des Sakramentes von der Sünde, selbst wenn sie nicht sehr tief wäre. Ist sie aber stark und lebendig, dann befreit sie uns außerdem von jeder Anhänglichkeit an die Sünde. Ein schwacher Haß, eine bloße Abneigung bewirkt, daß man den Gegenstand des Hasses nicht leiden kann und seine Gesellschaft meidet. Ein leidenschaftlicher, tödlicher Haß dagegen läßt uns nicht nur jenen meiden und verabscheuen, den man haßt; vielmehr fliehen wir auch den Verkehr mit seinen Verwandten und Freunden, ja wir verabscheuen sogar sein Bild und alles, was mit ihm zu tun hat. Wer die Sünde mit einer zwar echten aber schwachen Reue haßt, ist wohl entschlossen, nicht mehr zu sündigen; haßt er sie aber mit einer starken, tiefen Reue, dann verabscheut er nicht nur die Sünde selbst, sondern auch jede Anhänglichkeit an sie und alles, was mit ihr zusammenhängt und zu ihr führt.

      Die Reue muß uns daher so tief und so stark erfassen, daß sie sich auch auf das geringste erstreckt, was mit der Sünde zusammenhängt. So verlor Magdalena so völlig den Geschmack an der Sünde und ihren Freuden, daß sie nie mehr daran dachte. David beteuert, daß er nicht nur die Sünde haßte, sondern alle ihre Spuren und Pfade (Ps 119,104.128). Darin besteht die Erneuerung der Seele, die dieser Prophet mit der Wiedergeburt des Adlers vergleicht (Ps 103,5).

      Um diese Reue zu erwecken, mußt du dich aufmerksam in den folgenden Betrachtungen1 üben. Sie werden dann mit der Gnade Gottes die Sünde und die wichtigsten Anhänglichkeiten an sie in deinem Herzen entwurzeln. Zu diesem Zweck habe ich sie zusammengestellt. Halte die Betrachtungen nacheinander in der Reihenfolge, wie ich sie angegeben habe; nimm täglich nur eine vor,2 womöglich am Morgen; das ist die beste Zeit für die Tätigkeit des Geistes. Tagsüber denke sie immer wieder durch. Weißt du noch nicht, wie man betrachtet, so lies vorher, was darüber im zweiten Teil steht.3

      9. Kapitel

      Erste Betrachtung: Die Schöpfung.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um sein Licht.

      Erwägungen. 1. Es ist noch nicht lange her, da warst du noch nicht auf der Welt, warst in Wahrheit nichts. Wo waren wir damals, meine Seele? Die Welt existierte schon lange - und man hatte von uns noch nichts gehört.

      2. Gott hat dich aus diesem Nichts hervorgehen lassen, um dich zu dem zu machen, was du bist, ohne daß er dich gebraucht hätte, einzig durch seine Güte.

      3. Betrachte die Natur, die Gott dir gegeben: Sie ist die volkommenste der sichtbaren Welt, befähigt zum ewigen Leben und zur vollkommenen Vereinigung mit der göttlichen Majestät.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Demütige dich tief vor Gott! Sprich von Herzen mit dem Psalmisten: ³Herr, vor Dir bin ich in Wahrheit nichts" (Ps 39,6). ³Wie hast Du doch meiner gedacht, mich zu erschaffen?" (Ps 8,5). Meine Seele, du warst versunken im Nichts; was wärest du in diesem Nichts?

      2. Danke Gott! Mein erhabener und gütiger Schöpfer, wieviel Dank schulde ich Dir, daß Du mich aus dem Nichts gezogen hast, um mich durch Deine Barmherzigkeit zu dem zu machen, was ich bin. Was kann ich nur tun, um Deinen Namen würdig zu preisen und Deiner unermeßlichen Güte gebührend zu danken?

      3. Schäme dich! Mein Schöpfer, statt Dir meine Liebe und meinen Dienst zu schenken, habe ich mich gegen Dich aufgelehnt. Ich hing ungeordneten Neigungen an, trennte und entfernte mich von Dir, um der Sünde nachzulaufen. So wenig habe ich Deine Güte geehrt, als ob Du gar nicht mein Schöpfer wärest.

      4. Demütige dich vor Gott! Wisse, meine Seele, daß Gott dein Herr ist; Er hat dich erschaffen, nicht du hast dich selbst gezeugt (Ps 100,3). O Gott, ich bin das Werk Deiner Hände (Ps 138,8)!

      5. Da ich also nichts bin, will ich mich nicht mehr selbstgefälligen Gedanken überlassen. - Wessen willst du dich denn rühmen, Staub und Asche? Ein wahres Nichts bist du; womit kannst du dich brüsten? (Sir 10,9). - Ich will mich demütigen und dies und jenes tun, diese oder jene Verachtung ertragen. Ich will mir der Ehre bewußt sein, daß er mir die menschliche Natur geschenkt hat, und sie ausschließlich zur Erfüllung seines Willens gebrauchen; dazu will ich mich aller Mittel bedienen, die mein Seelenführer anraten wird.

      Schluß. 1. Dank: Meine Seele preise den Herrn und mein Herz lobe seinen heiligen Namen (Ps 102,1), denn seine Güte hat mich aus dem Nichts gezogen, seine Barmherzigkeit hat mich erschaffen.

      2. Aufopferung: Mein Gott, ich opfere Dir das Sein auf, das Du mir gegeben; ich schenke und weihe Dir mein Herz.

      3. Bitte: Gott, stärke meine Empfindungen und Entschlüsse. Heilige Jungfrau, empfiehl sie der Barmherzigkeit Deines Sohnes, wie auch alle, für die ich beten soll. Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Nach der Betrachtung geh ein wenig auf und ab. Pflücke einen kleinen Blumenstrauß aus deinen Erwägungen, an dem du dich tagsüber erquicken kannst.

      10. Kapitel

      Zweite Betrachtung: Unser Ziel.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte, daß er dich erleuchte.

      Erwägungen 1. Gott hat dich in das Leben gerufen, nicht etwa weil er dich gebraucht hätte; du kannst ihm doch nichts nützen. Er hat dich geschaffen, einzig um an dir durch das Geschenk seiner Gnade und seines Reichtums seine Güte zu betätigen. Deshalb gab er dir den Verstand, ihn zu erkennen; das Gedächtnis, dich seiner zu erinnern; den Willen, ihn zu lieben; die Phantasie, seine Wohltaten dir vorzustellen; die Augen, seine wunderbaren Werke zu sehen; die Zunge, ihn zu preisen; deshalb gab er dir auch all die anderen Fähigkeiten.

      2. In dieser Absicht bist du erschaffen und zur Welt gekommen; darum mußt du alles verwerfen und meiden, was ihr widerspricht, als nichtig und überflüssig betrachten, was ihr nicht dient.

      3. Wie unglücklich sind doch irdisch gesinnte Menschen, die daran nicht denken, sondern so leben, als wären sie nur auf der Welt, um Häuser zu bauen, Bäume zu pflanzen, Reichtümer aufzuhäufen und Kindereien zu treiben.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Schäme dich deiner Armseligkeit, da du bisher so wenig oder überhaupt nicht an dies gedacht hast. Sprich: Mein Gott, woran dachte ich denn, da ich Deiner nicht gedachte ? Was erfüllte mein Gedächtnis, da ich Deiner vergaß? Was liebte ich, da ich Dich nicht liebte? Ach, ich sollte mich sättigen an der Wahrheit, und ich habe mich mit eitlen Dingen vollgestopft! Ich diente der Welt, die doch auch nur Dir zu dienen bestimmt ist.

      2. Verabscheue dein vergangenes Leben: Ich verzichte auf euch, eitle Gedanken, nutzlose Pläne; ich will nichts mehr von euch wissen, ihr abscheulichen und frivolen Erinnerungen; ich verzichte auf euch, ihr Freundschaften ohne Treue, bedauerliche Nachgiebigkeiten.

      3. Bekehre dich zu Gott: Mein Gott und Heiland, Du allein sollst in Zukunft der Gegenstand meines Denkens sein. Nie mehr will ich meinen Geist Gedanken zuwenden, die Dir mißfallen. Mein Gedächtnis soll alle Tage meines Lebens Deiner großen Güte gedenken, die Du mir so liebevoll erwiesen hast. Du sollst die Freude meines Herzens sein, die Wonne meiner Liebe. - Ein Greuel sollen mir in Zukunft die erbärmlichen Freuden sein, an denen ich hing, jene Dir mißfälligen Handlungen, die meine Tage ausfüllten, diese Liebe, die mein Herz gefangen hielt. Dafür werde ich diese und jene bestimmten Heilmittel anwenden.

      Schluß. 1. Danke Gott, der dich für dieses erhabene Ziel erschaffen hat: Herr, für Dich hast Du mich erschaffen, damit ich mich ewig Deiner unendlichen Herrlichkeit erfreue. Wann werde ich mich dessen würdig erweisen? Wann werde ich Dich so preisen, wie es meine Pflicht ist?

      2. Aufopferung: Mein Schöpfer, ich opfere Dir alle Regungen meines Herzens und alle Entschlüsse auf mitsamt meiner Seele und meinem Herzen.

      3. Bitte: Ich bitte Dich, mein Gott, nimm diese Wünsche und Entschlüsse wohlgefällig auf. Segne mich, daß ich diese Vorsätze ausführe, durch die Verdienste des kostbaren Blutes Christi, das er am Kreuz vergossen hat.

      Winde dir einen kleinen Blumenstrauß frommer Gedanken.

      11. Kapitel

      Dritte Betrachtung: Gottes Wohltaten.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um sein Licht.

      Erwägungen. 1. Betrachte die äußeren Güter, die Gott dir gab: deinen Leib, die Möglichkeiten, ihn zu pflegen; die Gesundheit, erlaubte Freuden, deine Freunde, vielfache Hilfe, die du brauchst... Denke voll Mitleid, wieviele Menschen, die besser sind als du, diese Wohltaten entbehren müssen; ihnen fehlt die Gesundheit, der Gebrauch der Glieder; sie sind der Verachtung und Schande preisgegeben oder leben in Armut. Gott hat nicht zugelassen, daß du dieses Los teilst.

      2. Erwäge die Gaben des Geistes: Denke an die vielen Schwachsinnigen oder Irren; warum bist du nicht einer von ihnen? Gott hat dich davor bewahrt. Wie viele wachsen unwissend und ohne Bildung auf; seine Vorsehung hat dir eine gute Erziehung verschafft.

      3. Erwäge die übernatürlichen Gnaden: Du bist ein Kind der Kirche. Von Jugend an durftest du Gott kennen lernen. Wie oft hat er dir seine heiligen Sakramente gespendet! Wie oft Einsprechungen, innere Erleuchtungen, Mahnungen zur Umkehr gegeben! Wie oft deine Fehler verziehen, dich vor dem Verderben bewahrt, dem du ausgesetzt warst! Und gibt dir Gott nicht jetzt die Möglichkeit, in deinem Seelenleben voranzukommen? Betrachte doch im einzelnen, wie gütig Gott gegen dich ist.

      Anmutungen und Entschlüsse. 1. Staune über Gottes Güte: Wie gut ist doch Gott gegen mich! Wie gut ist er! Wie reich an Erbarmen ist Dein Herz, o Herr! Wie freigebig an Güte! Meine Seele, wir wollen immer wieder davon sprechen, wieviel Gnade uns der Herr gewährt.

      2. Wundere dich über deinen Undank: Wer bin ich denn, o Herr, daß Du meiner gedacht? Ich habe Deine Wohltaten mit Füßen getreten, Deine Gnade verunehrt, Deine große Güte mißbraucht und verachtet, Deiner abgrundtiefen Güte und Freigebigkeit meinen bodenlosen Undank entgegengesetzt.

      3. Erwecke in dir Gefühle des Dankes: Wohlan, mein Herz, du darfst gegen deinen großen Wohltäter nicht mehr treulos und undankbar sein. Wie sollte meine Seele Gott nicht für alle Zukunft ganz gehören? Er hat in mir und für mich so viel Wunderbares an Gnaden gewirkt!

      4. Entzieh also deinen Leib dieser oder jener Sinnenlust, um ihn dem Dienste Gottes zu weihen; Gott hat viel mehr für dich getan. Bemühe dich, Gott zu erkennen und ihm dankbar zu sein durch diese oder jene dafür geeigneten Handlungen. Gebrauche eifrig alle Mittel, die dir die Kirche an die Hand gibt, um dich zu retten und zur Liebe Gottes zu führen. Ja, ich will in Zukunft gern beten, die heiligen Sakramente empfangen, das Wort Gottes hören, seine heiligen Einsprechungen und Ratschläge befolgen.

      Schluß. 1. Danke Gott, daß er dich deine Pflicht erkennen ließ, und für alle Wohltaten, die du von ihm empfangen.

      2. Opfere ihm dein Herz auf mit all seinen Entschlüssen.

      3. Bitte ihn, daß er dich stärke, diese Entschlüsse treu auszuführen, durch die Verdienste des bitteren Leidens und Sterbens seines Sohnes.

      Bitte die allerseligste Jungfrau und die Heiligen um ihre Fürsprache. - Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Pflücke einen kleinen geistlichen Blumenstrauß.

      12. Kapitel

      Vierte Betrachtung: Die Sünde.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um sein Licht.

      Erwägungen. 1. Denke zurück an die Zeit, da du zu sündigen begonnen. Sieh, wie sich die Sünden seit jenem ersten Mal in deinem Herzen vervielfacht haben; von Tag zu Tag sind sie zahlreicher geworden: Sünden wider Gott, gegen dich selbst, wider deine Mitmenschen; Sünden durch Handlungen, Worte, Begierden, Gedanken.

      2. Denke an deine schlechten Anlagen; wieviel hast du ihnen nachgegeben? Du wirst sehen, daß deiner Fehler mehr sind, als die Haare deines Hauptes (Ps 40,13), mehr als die Sandkörner am Meeresstrand.

      3. Erwäge besonders den Undank gegen Gott; diese Sünde teilt ihre Bosheit allen Sünden mit und macht sie verabscheuungswert. Sieh, Gott schenkte dir so viele Wohltaten, du aber hast sie gegen ihren Spender mißbraucht. Wieviel mißachtete Eingebungen, wieviel vertrödelte gute Regungen! Und was noch schlimmer ist als alles: wie oft hast du die heiligen Sakramente empfangen, - und wo sind die Früchte davon? Was ist aus dem kostbaren Geschmeide geworden, mit dem dich dein liebevoller Bräutigam geschmückt hat? All seine Wohltaten sind verschüttet von deinen Missetaten! Wie hast du dich auf ihren Empfang vorbereitet? Bedenke diese Undankbarkeit: Gott ging dir immer nach, um dich zu retten, und du bist stets vor ihm geflohen, zu deinem eigenen Schaden.

      Anmutungen und Entschlüsse. 1. Schäme dich über deine Erbärmlichkeit: Mein Gott, wie kann ich es wagen, vor Deinem Angesicht zu erscheinen? Ich bin ein verworfener Mensch, undankbar und sündig. Wie ist das möglich, daß ich so treulos sein konnte? Nicht einen meiner Sinne, nicht eine meiner seelischen Fähigkeiten habe ich vor der Sünde bewahrt, unversehrt und rein erhalten! Kein Tag verging, an dem ich nicht Böses getan hätte! Sollte das meine Erwiderung auf die Wohltaten meines Schöpfers und das Blut meines Erlösers sein?

      2. Bitte um Verzeihung und wirf dich dem Herrn zu Füßen, wie der verlorene Sohn, wie Maria Magdalena, wie das ehebrecherische Weib: Herr, Verzeihung für mich Sünder! Lebendige Quelle des Erbarmens, sei barmherzig mit mir Armen!

      3. Nimm dir vor, besser zu leben: Nein, Herr, nie mehr will ich mich der Sünde hingeben! Ich baue auf Deine Gnade. Ich habe die Sünde zu sehr geliebt; ich verabscheue sie jetzt und wende mich Dir zu, barmherziger Vater. ln Dir will ich leben und sterben.

      4. Um die begangenen Sünden auszulöschen, will ich sie mutig bekennen. Alle will ich tilgen, alle ohne Ausnahme.

      5. Ich will alles tun, um die Sünden aus meinem Herzen zu reißen, vor allem diese und jene, die mir besonders mißfallen.

      6. Dazu will ich stets die Mittel gebrauchen, die man mir empfehlen wird. Nie kann ich zu viel tun, um so große Fehler wieder gutzumachen.

      Schluß. Danke Gott, der bis jetzt auf dich gewartet und dir diese guten Entschlüsse eingegeben hat. Opfere ihm dein Herz auf. Bitte ihn, daß er dich stärke, um sie auszuführen.

      13. Kapitel

      Fünfte Betrachtung: Der Tod.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte ihn um seine Gnade. Stelle dir vor, du liegest todkrank auf dem Sterbebett, ohne Hoffnung, dem Tod zu entrinnen.

      Erwägungen: 1. Erwäge, wie unbestimmt der Tag deines Todes ist: Meine Seele, du wirst eines Tages deinen Leib verlassen. Wann aber? Im Winter oder Sommer? In der Stadt oder auf einem Dorf? Während des Tages oder zur Nachtzeit? Unerwartet oder vorhergesehen? Durch eine Krankheit oder einen Unfall? Wirst du vorher beichten können? Wird dir dein Beichtvater oder Seelenführer beistehen? Von all dem wissen wir leider gar nichts. Nur das eine ist sicher, daß wir sterben werden - wahrscheinlich früher, als wir denken.

      2. Erwäge, daß es dann mit der Welt für dich aus ist. Alles wird in deinen Augen umgewertet werden. Vergnügungen, Eitelkeiten, weltliche Freuden, nichtige Liebeleien: all das wird uns dann wie ein nebelhaftes Trugbild erscheinen. Ich Armer! Um solcher Bagatellen und Einbildungen willen habe ich Gott beleidigt. Für ein Nichts Gott verlassen! - Die Frömmigkeit dagegen, die guten Werke wirst du als schön und begehrenswert erkennen. Warum bin ich nicht diesen herrlichen, gnadenvollen Weg gegangen? - Deine Sünden, die du früher für klein gehalten, werden dir auf einmal wie ragende Berge erscheinen, deine Frömmigkeit dagegen sehr klein.

      3. Erwäge, daß deine Seele von allen Dingen dieser Welt Abschied nehmen muß: vom Reichtum, von den Eitelkeiten, von sinnlosen Gesellschaften, Vergnügungen, Unterhaltungen, von Freunden, Nachbarn, von deinen Eltern und deinen Kindern, von deinem Mann oder deiner Frau; kurz von allen Geschöpfen; schließlich vom eigenen Leib; sie wird ihn totenblaß, entstellt, häßlich und übelriechend zurücklassen.

      4. Erwäge, wie eilig man deinen Leichnam fortschaffen und unter die Erde bringen wird. Nachher wird kaum noch jemand an dich denken, so wie du sehr wenig an die Verstorbenen denkst. ³Herr, gib ihm die ewige Ruhe", wird man sagen - das ist alles. Tod, wie bist du gewaltig! Wie unerbittlich bist du!

      5. Erwäge: wenn deine Seele den Leib verlassen hat, wird sie ihren Platz zur Rechten oder zur Linken finden. Nach welcher Seite wird deine Seele sich wenden, welche Richtung wird sie einschlagen? Keine andere, als sie schon in dieser Welt genommen hat.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Bete zu Gott. Wirf dich in seine Arme: Herr, nimm mich an diesem Tag der Schrecken in Deinen Schutz! Gib, daß diese Stunde glücklich und gnädig für mich sei; mögen alle anderen Stunden meines Lebens voll Traurigkeit und Kummer sein.

      2. Verachte die Welt. Da ich die Stunde nicht kenne, zu der ich dich, o Welt, verlassen muß, will ich mich nicht an dich hängen. - Liebe Freunde, laßt mich euch nur noch in heiliger Freundschaft zugetan sein; sie allein ist ja von Dauer. Wozu eine Freundschaft, die man doch einmal aufgeben, wozu eine Verbindung, die man eines Tages lösen muß?

      3. Ich will mich auf diese Stunde vorbereiten. Meine Sorge sei, daß der Übergang ins Jenseits ein glücklicher werde. Ich will den Zustand meines Gewissens nach Möglichkeit sichern; darum werde ich diese und jene Sache in Ordnung bringen.

      Schluß. Danke Gott für die Vorsätze, die er dir geschenkt. Opfere sie seiner göttlichen Majestät auf. Bitte sie um die Gnade eines seligen Todes durch die Verdienste des bitteren Leidens und Sterbens seines Sohnes. Bitte die allerseligste Jungfrau und die Heiligen um ihre Hilfe. Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Winde dir einen geistlichen Blumenstrauß.

      14. Kapitel

      Sechste Betrachtung: Das Gericht.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Bitte, daß er dich erleuchte.

      Erwägungen. 1. Nach Ablauf der Zeit, die Gott für die Dauer der Welt bestimmt hat, nach Vorzeichen, die so furchtbar sein werden, daß die Menschen vor Entsetzen vergehen (vgl. Lk 21,26), wird ein Feuerregen gleich einem Wolkenbruch auf die Erde fallen und alles in Asche verwandeln. Nichts von allem, was wir sehen, wird davor verschont bleiben.

      2. Nach diesem Flammen- und Feuerregen werden alle Menschen, soweit sie nicht schon auferstanden sind, wieder zum Leben erweckt und werden auf den Ruf des Erzengels im Tale Josaphat versammelt. Aber welch ein Unterschied! Die einen werden einen herrlich leuchtenden Leib haben, die anderen einen grauenhaft häßlichen.

      3. Betrachte, mit welcher Majestät der oberste Richter erscheint, umgeben von allen Engeln und Heiligen, mit dem heller als die Sonne strahlenden Kreuz, der Gnadenstandarte für die Guten, dem Zeichen der Strenge für die Bösen.

      4. Dieser oberste Richter wird durch einen machtvollen Urteilsspruch, der sofort vollzogen wird, die Guten von den Bösen scheiden, die einen zu seiner Rechten, die anderen zu seiner Linken. Diese Trennung ist ewig, nie mehr werden die zwei Lager zusammenkommen.

      5. Nach dieser Trennung werden die Gewissen wie Bücher aufgeschlagen. Dann wird man mit aller Klarheit die Bosheit der Schlechten sehen, die Verachtung Gottes, deren sie sich schuldig gemacht; ebenso aber die Buße der Guten, das Wirken der Gnade in ihnen. Nichts wird verborgen bleiben. O Gott, welche Schande für die einen, welche Freude für die anderen!

      6. Erwäge das endgültige Urteil über die Bösen: ³Hinweg, Verfluchte, in's ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Gefährten bereitet ist!" (Mt 25,41). Wäge diese folgenschweren Worte einzeln ab. ³Hinweg!" sagt er; mit diesem Wort gibt Gott sie für immer auf, verbannt sie auf ewig von seinem Angesicht. ³Verfluchte": welche Verdammnis!

      Allgemeine Verdammung, die alle Übel einschließt; unwiderrufliche Verdammung, die Zeit und Ewigkeit umfaßt. ³ln's ewige Feuer": Schau diese schreckliche Ewigkeit, o Seele. Wie furchtbar bist du, ewige Ewigkeit der Qualen!

      7. Erwäge das gegenteilige Urteil für die Guten: ³Kommt", sagt der Richter: Beglückendes Wort des Heiles, durch das uns Gott an sich zieht und in den Schoß seiner Güte aufnimmt. ³Gesegnete meines Vaters": Kostbarer Segen, der allen Reichtum einschließt. ³Nehmt in Besitz das Reich, das euch bereitet ist seit Gründung der Welt" (Mt 25,34): Welche Gnade, denn dieses Reich hat kein Ende!

      Affekte und Entschlüsse. 1. Bange, o Seele, wenn du dies bedenkst: Mein Gott, wer kann mir eine Sicherheit für diesen Tag geben, an dem die Säulen des Himmels (Job 26,11) erbeben werden vor Schrecken?

      2. Verabscheue deine Sünden; sie allein können dich an diesem Tag verderben.

      3. Ich will mich jetzt schon richten, um nicht gerichtet zu werden. lch will mein Gewissen erforschen, mich anklagen und bessern, damit mich nicht der Richter verurteilt an jenem Tage. Also werde ich beichten und mich gern allem fügen, was der Beichtvater mir raten wird.

      Schluß. 1. Danke Gott, daß er dir die Mittel bietet, dich für diesen Tag zu sichern, und dir Zeit zur Buße gewährt.

      2. Opfere ihm dein Herz und deinen ernsten Willen zur Buße auf.

      3. Bitte um seine Gnade dazu, damit du es gut machst. Vater unser. Gegrüßt seist Du, Maria.

      Winde den geistlichen Blumenstrauß.

      15. Kapitel

      Siebente Betrachtung: Die Hölle.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich vor ihm. Bitte ihn um seinen Beistand. Stelle dir eine düstere Stadt vor, eingehüllt in Qualm von Pech und Schwefel, voll von Menschen, die sie nicht verlassen können.

      Erwägungen. 1. Die Verdammten im Abgrund der Hölle sind wie in einer solchen Stadt des Unglücks. Sie leiden unsagbare Qualen an allen Sinnen und Gliedern. Da sie diese zur Sünde mißbraucht haben, müssen sie an ihnen die Strafe der Sünde erleiden. Die Augen müssen den fürchterlichen Anblick der Teufel und der Hölle ertragen für die falschen und sündhaften Blicke; die Ohren werden nur mehr Weinen, Klagen und Verzweiflungsschreie hören, weil sie einst lasterhaften Reden zuhörten; ähnlich alle anderen Sinne.

      2. Außer diesen gibt es noch viel ärgere Qualen. Die Verdammten sind der Herrlichkeit Gottes beraubt, auf ewig von ihrem Anblick ausgeschlossen. Absalom empfand schwerer als die Verbannung das Fernsein vom Anblick des Vaters (2.Sam 14,32); welch ein Schmerz erst, auf ewig der Hoffnung beraubt zu sein, jemals Dein gütiges Antlitz zu schauen, o mein Gott!

      3. Erwäge besonders die ewige Dauer dieser Strafen, die allein schon die Hölle unerträglich macht. Können Zahnschmerzen oder die Hitze eines kleinen Fiebers uns eine Nacht lang und qualvoll machen, wie entsetzlich wird erst die ewige Nacht dieser Qualen sein! Verzweiflung ohne Ende, furchtbare Wut, grauenhafte Flüche wird sie gebären.

      Affekte und Entschlüsse. 1. Rüttle deine Seele auf mit den Worten des lsaias: ³Meine Seele, könntest du ewig in diesen unauslöschlichen Flammen verzehrenden Feuers leben?" (Jes 33,14). Willst du wirklich deinen Gott auf ewig verlassen?

      2. Gestehe: Ich habe es verdient, und wie oft verdient! Aber jetzt will ich den entgegengesetzten Weg einschlagen. Warum sollte ich mich auch in diesen Abgrund stürzen?

      3. Ich will dies und jenes unternehmen, um die Sünde zu meiden; sie allein kann mich ja in den ewigen Abgrund stürzen.

      Danke, opfere auf, bete.

      16. Kapitel

      Achte Betrachtung: Der Himmel.

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Rufe Gott um seinen Beistand an.

      Erwägungen. 1. Denke an eine schöne, helle Nacht. Wie herrlich ist der Himmel mit seinen funkelnden Sternen! Zu dieser Pracht füge die eines strahlenden Tages, aber so, daß der Glanz der Sonne nicht den der Sterne und des Mondes überstrahle. Und dann sage kühn: Alle diese Schönheit zusammengenommen ist nichts gegen die Herrlichkeit des Himmels. Wie begehrenswert, wie liebenswert ist doch dieser Ort, wie kostbar diese Stätte!

      2. Erwäge den Adel, die Schönheit, die große Zahl der Bürger dieses glücklichen Reiches: Millionen von Engeln, Cherubim und Seraphim; die Scharen der Apostel, Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen und heiligen Frauen. Unermeßliche Schar, selige Gemeinschaft! Der Geringste unter ihnen ist herrlicher anzuschauen, als die ganze Welt, - welche Seligkeit, sie alle zu sehen! Und, o mein Gott, wie glücklich sind sie! Sie singen immerdar das liebliche Lied der ewigen Liebe. Sie erfreuen sich eines nie versiegenden Frohsinns. Sie beglücken einander in unsagbarer Weise. Sie leben in der Freude einer seligen, unzertrennlichen Gemeinschaft.

      3. Erwäge, wie glücklich sie sind, Gott zu besitzen. Immer dürfen sie seinen Anblick genießen, der Liebe weckt und in ihre Herzen einen Abgrund von Wonne senkt. Welche Freude, immer mit seinem Schöpfer verbunden zu sein! Gleich unbeschwerten Vögeln, die munter singend sich durch die Lüfte schwingen, schweben sie jubilierend in der Seligkeit Gottes, die sie dem Äther gleich überall umgibt und mit unerhörten Wonnen erfüllt. Ohne Neid wetteifern alle, das Lob des Schöpfers zu singen: ³Sei gepriesen ohne Ende, gütiger, erhabener Schöpfer und Erlöser! Du bist so gütig gegen uns, Du teilst uns so freigebig Deine Herrlichkeit mit!" Und Gott segnet alle seine Heiligen mit ewigem Segen: Seid gesegnet ohne Ende, meine geliebten Geschöpfe! Ihr habt mir voll Liebe und Mut gedient; ihr sollt mir nun mit gleicher Liebe und Hingabe ewig Lob singen."

      Affekte und Entschlüsse. 1. Bewundere und preise deine himmlische Heimat: Wie schön bist du und wie glücklich sind deine Bewohner!

      2. Tadle dein Herz ob des kläglichen Mutes, den es bisher aufgebracht hat. Tadle es, daß es so weit vom Weg zu dieser unvergleichlichen Wohnung abgewichen ist: Ich Armer, warum habe ich mich so weit von meinem höchsten Glück entfernt? Dieser seichten und oberflächlichen Vergnügungen wegen habe ich tausend- und abertausendmal die ewigen, unendlichen Wonnen auf's Spiel gesetzt. Wie töricht war ich doch, so begehrenswerte Güter zu mißachten und so nichtigen, verächtlichen Begierden nachzulaufen!

      3. Erwecke eine innige Sehnsucht nach dieser herrlichen Stätte: Es hat Dir gefallen, allgütiger Herr, meine Schritte auf Deinen Weg zu lenken, darum will ich nie mehr davon abweichen. Geh, meine Seele, geh ein in diese unendliche Ruhe, wandere nach diesem gesegneten Land! Was wollen wir noch hier in der Verbannung?

      4. Ich werde also diese oder jene Dinge meiden, die mich von diesem Weg abbringen oder im Vorankommen behindern.

      5. Ich will dies und jenes tun, das mir vorankommen hilft.

      17. Kapitel

      Neunte Betrachtung: Wahl des Himmels

      Vorbereitung: Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich. Bitte, daß er dich erleuchte.

      Stelle dir vor, du seist auf weitem Felde, ganz allein mit deinem Schutzengel, wie der junge Tobias, als er nach Rages zog. Er zeigt dir in der Höhe den Himmel offen, mit allen Freuden, die du in der vorausgehenden Betrachtung erwogen hast; dann in der Tiefe die gähnende Hölle, mit allen Qualen, wie sie in der Betrachtung von der Hölle beschrieben sind.

      Erwägungen. Nachdem du dich durch diese Vorbereitung zwischen Himmel und Hölle gestellt siehst, knie in Gegenwart deines Schutzengels nieder und erwäge:

      1. Es ist wirklich wahr, du stehst zwischen Himmel und Hölle; beide stehen offen, dich aufzunehmen, je nach der Wahl, die du treffen wirst.

      2. Die Entscheidung für Himmel oder Hölle, die du in diesem Leben triffst, gilt auf ewig im anderen.

      3. Beide stehen offen, dich aufzunehmen, je nach deiner Entscheidung. Gott, der aus Gerechtigkeit mit der Hölle bestraft und aus Barmherzigkeit mit dem Himmel belohnt, wünscht mit sehnlichem Verlangen, daß du den Himmel wählst. Dein Schutzengel drängt dich dazu mächtig; er bietet dir von Gott tausend Gnaden und Hilfen an, um dir beim Aufstieg beizustehen.

      4. Jesus Christus blickt dich vom Himmel her gütig an und lädt dich herzlich ein: ³Komm zur ewigen Ruhe, teure Seele! Komm in die Arme meiner Güte, die dir in ihrer überreichen Liebe endlose Freuden bereitet hat." Schau im Geiste die seligste Jungfrau; sie redet dir mütterlich zu: ³Mut, mein Kind! Mißachte nicht den Wunsch meines Sohnes und meine innigen Gebete für dich! Mit ihm wünsche ich sehr dein ewiges Heil." Betrachte die Heiligen, die dich ermutigen, die Millionen heiliger Seelen, die dir liebevoll zureden und nur das eine wünschen, eines Tages dein Herz mit den ihren vereint zu sehen im Lobpreis Gottes. Sie versichern dir: Der Weg zum Himmel ist nicht so schwer, wie die Welt vorgibt: ³Mut", sagen sie dir, ³wer den Weg der Frömmigkeit, den wir emporgestiegen sind, aufmerksam betrachtet, der sieht, daß wir in diese Seligkeit durch Freuden gelangten, die unvergleichlich tiefer sind als die Freuden der Welt."

      Wahl: 1. Hölle, dich verabscheue ich jetzt und auf ewig. Ich verabscheue deine Qualen und Peinen. Ich verabscheue deine unselige, unglückliche Ewigkeit, besonders die unaufhörlichen Flüche, die du ewig gegen meinen Gott ausspeist. - Dann wende Herz und Gemüt dem Himmel zu und sprich: Glücklicher Himmel, ewige Herrlichkeit, Seligkeit ohne Ende, ich wähle unwiderruflich deine schönen und heiligen Gefilde, deine seligen und begehrenswerten Zelte zu meiner Wohnstätte. O Gott, ich preise Deine Barmherzigkeit und nehme dankbar das Geschenk an, das Du in Deiner Güte mir anbietest. Jesus, mein Heiland, ich nehme Deine ewige Liebe an. Ich weiß, daß du mir einen Platz in der himmlischen Seligkeit bereitet hast, damit ich Dich ewig lieben und preisen kann.

      2. Nimm die Gnadenerweise an, die dir die allerseligste Jungfrau und die Heiligen anbieten. Versprich ihnen, daß du ihren Weg einschlagen willst. Ergreife die Hand deines Schutzengels, damit er dich führe. Mache deiner Seele Mut zu dieser Wahl.

      18. Kapitel

      Zehnte Betrachtung: Wahl des frommen Lebens.

      Vorbereitung. Versetze dich in Gottes Gegenwart. Demütige dich vor ihm. Bitte ihn um seine Hilfe.

      Erwägungen. 1. Stelle dir wieder vor, du seist auf weitem Felde, allein mit deinem Schutzengel. Zur Linken denke dir Satan auf hohem Throne, umgeben von höllischen Geistern und einer großen Schar von Lebemenschen, die ihn entblößten Hauptes als ihren Herrn anerkennen und ihm huldigen, die einen durch diese Sünde, die anderen durch jene. Beachte die Haltung der unseligen Höflinge dieses abscheulichen Fürsten: Die einen wüten in Haß, Neid und Zorn; die anderen morden sich gegenseitig; wieder andere sind bleich in sich verbohrt vor Gier nach Reichtümern; andere der Eitelkeit ergeben, nur auf unsinnige und nichtige Vergnügungen bedacht; andere gemein, verliert und verkommen in ihrer zügellosen Gier. Sieh, wie unruhig sie alle sind, zerfahren, unbeherrscht. Sieh, wie sie einander verachten, und Liebe nur heucheln. Mit einem Wort, du hast vor dir ein unseliges, bedauernswertes Volk, bedrückt von einem verfluchten Fürsten.

      2. Sieh, zur Rechten Jesus am Kreuz, wie er mit herzlicher Liebe für diese armen Untertanen Satans betet, damit sie sich von seiner Tyrannei befreien; wie er sie zu sich ruft. Um ihn versammelt siehst du eine große Schar Frommer mit ihren Schutzengeln. Betrachte die Schönheit dieses Reiches der Frömmigkeit: Wie herrlich ist diese Schar jungfräulicher Männer und Frauen anzusehen, weißer als Lilien; diese Witwenschar, geschmückt mit heiliger Selbstüberwindung und Demut. Sieh die Eheleute, die so herzlich miteinander leben und einander mit einer Ehrfurcht begegnen, die nicht denkbar ist ohne eine große Liebe. Sieh, diese Frommen verbinden die Sorge um das Hauswesen mit der Sorge um ihr Innerstes, die Liebe zum Gatten mit der Liebe zum himmlischen Bräutigam. Sieh dich um: Du findest sie alle in heiliger, gütiger, liebevoller Haltung; sie hören auf unseren Herrn und alle möchten ihn in ihrem Herzen tragen. Sie freuen sich, aber ihre Freude ist schön, liebevoll, geordnet. Sie lieben einander, aber ihre Liebe ist heilig und ganz rein. Wer unter diesen Frommen ein Leid trägt, quält sich nicht viel damit und verharrt in beherrschter Haltung. Sieh, wie der Anblick des Heilands sie erfreut, wie alle einmütig zu ihm hinstreben.

      3. Satan und seinen traurigen, unseligen Anhang hast du bereits verlassen durch die guten Vorsätze, die du gefaßt hast. Du bist aber noch nicht zu Christus, dem König, gelangt, du hast dich noch nicht der glücklichen und heiligen Schar seiner Frommen beigesellt. Du stehst immer noch zwischen beiden Lagern.

      4. Die allerseligste Jungfrau, der hl. Josef, der hl. Ludwig, die hl. Monika und hunderttausend andere, die ebenfalls inmitten der Welt gelebt haben, laden dich ein, sprechen dir Mut zu.

      5. Dein gekreuzigter König, ruft dich bei deinem Namen: Komm, geliebte Seele! Komm, ich will dich krönen (Hld 4,8).

      Wahl: 1. Abscheuliche Schar, niemals sollst du mich unter deiner Fahne sehen! Auf ewig entsage ich deinen Narreteien und Torheiten. Unseliger Fürst des Hochmuts, höllischer Geist, ich entsage dir und allem eitlen Gepränge, das du entfaltest. Ich verabscheue dich und deine Werke.

      2. Mein guter Jesus, seliger König der ewigen Herrlichkeit, Dir wende ich mich zu; ich umfange Dich mit der ganzen Kraft meiner Seele. Ich bete Dich von ganzem Herzen an, ich erwähle Dich heute für immer zu meinem König. Dir will ich unverletzliche Treue bewahren. Ich gebe mich Dir ohne Widerruf hin und verpflichte mich zum Gehorsam gegen Deine heiligen Gesetze und Anordnungen.

      3. Seligste Jungfrau, Unsere liebe Frau, ich erwähle Dich zu meiner Führerin, stelle mich unter Deine Fahne und komme in heiliger Ehrfurcht zu Dir. Heiliger Schutzengel, führe mich in diese heilige Gemeinschaft. Verlaß mich nicht, bis ich inmitten dieser heiligen Schar stehe. Mit ihr rufe ich zum Zeugnis meiner Wahl, die ich getroffen habe, jetzt und immer: Es lebe Jesus! Es lebe Jesus!

      19. Kapitel

      Wie ist die Generalbeichte abzulegen?

      Soweit die für unseren Zweck notwendigen Betrachtungen. Bist du mit ihnen zu Ende, so geh mutig und demütig an deine Generalbeichte. Ich bitte dich: Laß dich in keiner Weise durch Angst verwirren! Der Skorpion ist giftig, wenn er sticht; zu einer breiigen Masse zerquetscht dagegen ergibt er ein Heilmittel gegen seinen eigenen Stich. So ist die Sünde eine Schande, wenn wir sie begehen; in Beichte und Buße umgewandelt aber ist sie ehrenvoll und heilsam. Reue und Beichte sind so wohltuend, daß sie die Häßlichkeit der Sünde tilgen und ihren Gestank vertreiben. Simon der Aussätzige nannte Magdalena eine Sünderin; der Heiland verneinte es und sprach nur mehr vom Salböl, das sie ausgoß, und von der Größe ihrer Liebe (Lk 7,44). Sind wir demütig, so wird uns die Sünde unendlich mißfallen, weil Gott dadurch beleidigt wird; wir nehmen aber das Bekenntnis der Sünden gern auf uns, weil Gott dadurch geehrt wird. Es ist uns eine Erleichterung, dem Arzt das Übel zu nennen, das uns quält.

      Kniest du vor deinem geistlichen Vater, dann stelle dir vor, du seist auf dem Kalvarienberg zu Füßen des gekreuzigten Heilands. Sein kostbares Blut fließt aus allen Wunden, um dich von deiner Schlechtigkeit reinzuwaschen. Ist es auch nicht das Blut des Heilands selbst, so sind es doch die Verdienste seines vergossenen Blutes, die sich reichlich über den Beichtenden ergießen.

      So schließe denn dein Herz auf, um die Sünden durch das Bekenntnis daraus zu entfernen. ln dem Maß, als sie verschwinden, strömen die kostbaren Verdienste des göttlichen Leidens in dein Herz, um es mit Segen zu erfüllen.

      Sag aber bestimmt alles! Sag es einfach und schlicht. Bring damit dein Gewissen ein für allemal in Ordnung. Dann höre die Mahnungen und Weisungen des Dieners Gottes und sprich in deinem Herzen: ³Rede, Herr, Dein Diener hört" (1.Sam 3,9). Ja, du hörst auf Gott, denn er hat seinen Stellvertretern gesagt: ³Wer euch hört, der hört mich" (Lk 10,16).

      Nimm dann die folgende feierliche Erklärung zur Hand. Sie soll die Frucht deiner Reue sein. Betrachte und erwäge sie daher gut. Lies sie so aufmerksam und mit dem Herzen empfindend, als es dir nur möglich ist.

      20. Kapitel

      Feierliche Erklärung als Abschluß der verschiedenen Bußübungen.

      Sie will der Seele den Entschluß einprägen, Gott zu dienen.1

      Ich versetze mich in die Gegenwart Gottes und des ganzen himmlischen Hofes. Ich habe die unendliche Barmherzigkeit seiner göttlichen Güte erwogen, gegen mich, sein unwürdiges und schwaches Geschöpf, das er aus dem Nichts erschaffen, erhalten, aus so vielen Gefahren befreit, mit so vielen Wohltaten überhäuft hat.

      Ich habe vor allem die unbegreifliche Güte und Langmut erwogen, mit der Gott mich so väterlich in meinen Sünden ertragen, so oft und liebevoll zur Umkehr eingeladen, so langmütig auf meine reuige Buße gewartet hat, bis zu diesem ... Jahr meines Lebens, trotz all meiner Undankbarkeit, Unredlichkeit und Untreue. Immer wieder habe ich meine Bekehrung hinausgeschoben, seine Gnade mißachtet, Gott schändlich beleidigt.

      Ich habe auch erwogen, daß ich am Tag meiner heiligen Taufe ein Kind Gottes geworden bin. Zu meinem Glück und zu meiner Heiligung wurde ich ihm geweiht und dargebracht. Entgegen dem Gelöbnis, das damals in meinem Namen abgelegt wurde, habe ich meinen Geist so oft und so schändlich entweiht und vergewaltigt, da ich ihn gegen Gottes Majestät wandte und mißbrauchte.

      Nun komme ich zu Dir und werfe mich im Geist vor dem Throne der göttlichen Gerechtigkeit nieder. Ich erkenne und bekenne mich schuldig des Verbrechens, die Majestät Gottes beleidigt zu haben, schuldig am Leiden und Sterben Jesu durch die Sünden, die ich begangen habe. Für sie ist er gestorben und hat die Kreuzesqualen erduldet; darum habe ich verdient, für ewig verloren und verdammt zu sein.

      Ich wende mich nun dem Thron der unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu. lch verabscheue von ganzem Herzen und aus allen Kräften die Sünden meines bisherigen Lebens. lch bitte demütig um Gnade, Barmherzigkeit und Verzeihung, um vollständige Vergebung meines Verbrechens, kraft des Leidens und Todes Jesu, des Herrn und Erlösers meiner Seele. Auf diese einzige Grundlage stütze ich meine Hoffnung. So erneuere ich das heilige Treuegelöbnis, das ich am Tage meiner Taufe abgelegt habe: Ich widersage dem Teufel, der Welt und dem Fleisch. Ich verabscheue ihre unseligen Ratschläge, ihre Eitelkeiten und ihre Lust für mein ganzes Leben und für alle Ewigkeit.

      Ich wende mich meinem gütigen und barmherzigen Gott zu und bin unwiderruflich entschlossen, ihm zu dienen und ihn zu lieben, jetzt und ewig. Ich weihe ihm zu diesem Zweck meinen Geist mit all seinen Fähigkeiten, meine Seele mit all ihren Kräften, mein Herz mit all seiner Liebe, meinen Leib mit all seinen Sinnen. Ich erkläre hiermit, daß ich nie mehr eine meiner Fähigkeiten gegen seinen göttlichen Willen und seine alles überragende Majestät mißbrauchen will. Im Geiste bringe ich mich ihm zum Opfer. Auf ewig will ich ihm treu und als Geschöpf redlich ergeben sein. Nie mehr will ich mich von ihm abwenden oder meine Hingabe bereuen.

      Sollte ich jemals durch Versuchung des Teufels oder durch menschliche Schwäche irgendwie gegen diesen Entschluß und diese Weihe verstoßen, so erkläre ich hiermit feierlich: Ich bin entschlossen, mit der Gnade des Heiligen Geistes davon abzulassen, sobald ich es bemerke, um mich sogleich ohne Zögern und Zaudern der göttlichen Barmherzigkeit zuzuwenden.

      Dies ist mein Wille, meine Absicht, mein unabänderlicher und unwiderruflicher Entschluß, den ich hiermit bekunde, und bekräftige, ohne Ausnahme und Vorbehalt. Ich erkläre ihn im Angesicht Gottes, der triumphierenden und der streitenden Kirche, meiner Mutter; sie nimmt diese Erklärung in der Person dessen entgegen, der mich als ihr Vertreter bei diesem Akt anhört.

      Möge es Dir gefallen, ewiger, allmächtiger und allgütiger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, diesen Entschluß in mir zu stärken und dieses Opfer meines Herzens und meiner Seele gütig anzunehmen. Du hast mir durch Deine Eingebung den Entschluß geschenkt, gib mir auch die Kraft und Gnade, es zu vollziehen. O Gott, Du bist mein Gott (Ps 16,2), der Gott meiner Seele und meines Geistes. So will ich Dich sehen und anbeten jetzt und in alle Ewigkeit. Es lebe Jesus!

      21. Kapitel

      Abschluß dieser ersten Seelenläuterung.

      Hast du diese Erklärung abgegeben, dann öffne Sinne und Herz, um das Wort deiner Lossprechung aufzunehmen; der Heiland deiner Seele spricht es im Himmel auf dem Thron seiner Barmherzigkeit, während es der Priester auf Erden in seinem Namen sagt: Die Gemeinschaft der Heiligen teilt deine Freude, stimmt ein Jubellied an und begrüßt mit dem Friedensgruß deine Seele, die nunmehr im Besitz der Gnade und Heiligkeit ist.

      O Gott, welch wunderbarer Vertrag! Er hat dich in glücklicher Weise Gott verbunden; du gibst dich ihm, dafür gewinnst du ihn und dich selbst für das ewige Leben. Nun brauchst du nur noch die Feder zur Hand nehmen, entschlossen deine Erklärung unterzeichnen und an den Altar treten; dort wird Gott seinerseits deine Lossprechung und seine Verheißung des ewigen Lebens bestätigen und besiegeln, indem er sich selbst wie ein heiliges Siegel auf dein wiedergeborenes Herz legt (Hld 8,6). So scheint es mir, daß damit deine Seele von der Sünde und von jeder Anhänglichkeit an die Sünde gereinigt wird.

      Sie kehren aber leicht wieder in die Seele zurück infolge unserer Schwachheit und durch die Begierlichkeit; diese kann wohl niedergehalten werden, aber sie stirbt nicht, solange wir in diesem Leben wandeln. Deshalb will ich dir nun Ratschläge geben, die dich in Zukunft vor der Todsünde und vor jeder Anhänglichkeit an sie bewahren können. Wenn du sie genau beachtest, werden sie nie mehr Macht über dein Herz gewinnen.

      Diese Ratschläge sollen aber zugleich einer vollkommenen Reinigung dienen, darum will ich zuvor noch von dieser tieferen Läuterung der Seele sprechen, zu der ich dich führen möchte.1

      22. Kapitel

      Wir müssen uns von der Anhänglichkeit an läßliche Sünden reinigen.

      Je heller es wird, desto deutlicher sehen wir im Spiegel Flecken und Unsauberkeiten an unserem Gesicht. Ebenso sehen wir in dem Maße, als das innere Licht des Heiligen Geistes unser Gewissen erleuchtet, an ihm deutlicher und klarer Sünden, Neigungen und Unvollkommenheiten, die uns daran hindern können, die wahre Frömmigkeit zu erlangen; und dasselbe Licht, das uns diese Mängel und Schwächen zeigt, erwärmt unser Herz, daß es seine Reinigung und Läuterung anstrebe.

      Durch die bisher behandelten Übungen bist du von der Todsünde und von der Anhänglichkeit an sie gereinigt. Du wirst aber in deiner Seele außerdem noch verschiedene Neigungen und Anhänglichkeiten an läßliche Sünden entdecken.

      Ich spreche nicht davon, daß du läßliche Sünden in dir vorfindest, sondern ich sage: Du wirst Anhänglichkeiten und Neigungen finden. Das ist nicht dasselbe. Wir können nie ganz frei von läßlichen Sünden sein, jedenfalls können wir es nicht lange bleiben. Aber von der Anhänglichkeit an sie können wir wohl frei werden. Es ist gewiß ein Unterschied, ob ich das eine oder andere Mal freiwillig in einer unwichtigen Sache lüge oder ob ich am Lügen Freude habe und an dieser Sünde hänge.

      Ich sage also, man muß sein Herz von jeder Anhänglichkeit an läßliche Sünden reinigen.1 Das heißt, man darf nicht freiwillig die Absicht hegen, irgendeine läßliche Sünde weiter zu begehen und in ihr zu beharren. Es wäre doch wahrhaftig eine gefährliche Lauheit, wollte man wissentlich etwas Gott so Mißfälliges in seinem Herzen bestehen lassen, wie es der Wille ist, ihm zu mißfallen.

      Die läßliche Sünde, so gering sie auch sein mag, mißfällt Gott, freilich nicht so sehr, daß er uns dafür verdammen und verderben will. Mißfällt sie ihm aber, so ist das freiwillige Festhalten an ihr nichts anderes als der Entschluß, der göttlichen Majestät zu mißfallen. Ist es denn möglich, daß eine wohlgestaltete Seele Gott nicht nur mißfallen will, sondern noch Freude daran hat, ihm zu mißfallen?

      Solche An