"Wir verlangen manchmal so sehr gute Engel zu sein, daß wir darüber vergessen, gute Menschen zu sein."
Ein Brief vom Himmel - für Menschen, die
mehr Mensch werden wollen.
Franz von Sales (1567-1622) gilt für geistlich
Interessierte als ein Geheimtip. Seine "Philothea" (Introduction à la
vie devote; 1608) gilt als ein Bestseller der spirituellen Literatur. Sein
"Theotimus" (Traitté de l´amour de Dieu, 1616), seine Predigten und
Pastoralschriften qualifizieren den "Lehrer der Gottesliebe" als
Heiligen (1665), als Kirchenlehrer (1877) und Patron der Journalisten (1923).
Seine etwa 20 000 Briefe, unter ihnen an seine Freundin Johanna Franziska von
Chantal, spiegeln seine reiche Menschenkenntnis und reife Kompetenz als
geistlicher Begleiter.
Nicht zufällig begegnen 34 Sales-Worte in der
Sammlung spiritueller Schätze aus drei Jahrtausenden (Enneagramm der Weisheit,
hg.v. Marion Küstenmacher).
Johannes Haas hat den vielen überlieferten Briefen
einen neuen Brief hinzugefügt: gleichsam einen Brief vom Himmel auf die Erde.
Auch Franz von Sales hat das Enneagramm entdeckt - mit ihm entdeckt er Menschen
damals, denen er begegnet ist, und Menschen heute, die ihm in seinen Schriften
begegnen, neu. Wie damals wählt er für seinen Brief zwei Namen, in denen sich
die Leser/innen entdecken können: "Philothea" und
"Theotimus" - die Frau und der Mann, die Gott lieben.
Liebe Philothea, lieber Theotimus!
Manche mögen sich vorstellen, auch hier im Himmel
gäbe es eine Bibliothek, himmlisch ausgestattet, mit allen Schätzen menschlicher
Weisheit und Wissenschaft. Nun, eine solche Bibliothek gibt es nicht, wohl aber
einen wahrhaft himmlischen Überblick über das, was sich in der
Menschheitsgeschichte entwickelt und entfaltet - unerschöpflicher Stoff für
Gotteslob. Gottes Weisheit entfaltet sich in Menschenweisheit. In einem Buch
über das "Enneagramm der Weisheit" entdecke ich zu meinem Erstaunen
zahlreiche Worte von mir - mitten in Kostproben menschlicher Weisheit aus drei
Jahrtausenden. Worte, die ich vor vier Jahrhunderten Menschen mit auf den Weg
gegeben habe - in Briefen, in Predigten, in geistlichen Schriften. Worte, die
mir nun neu bewußt werden; sie erscheinen mir in einem neuen Licht - im Licht
des Enneagramms.
Bei jedem der neun Typen begegne ich mir. Kein
Zufall, denn ich bin den Menschen in ihrer bunten Vielfalt begegnet. So
vielfältig, wie sie waren, habe ich sie wahrgenommen. Jede/n von ihnen habe ich
in ihrer, in seiner Einmaligkeit sehen, verstehen und fördern wollen. Jeder
Mensch war für mich wie eine Blume im Garten Gottes, zum Blühen berufen.
Daß ich mich in einem Buch über das Enneagramm
entdecke, macht mich neugierig. Wie zu meinen Lebzeiten interessiere ich mich
für alles, was mich die Menschen verstehen lehrt. Ich war auf der Höhe der
Psychologie meiner Zeit. Noch wichtiger für mich war: ich ging bei den Menschen
in die Lehre. Ich lernte die Landschaften ihrer Seelen kennen, ihre Wünsche und
Motive, ihre Sehnsüchte und Leidenschaften, ihre Höhen und Tiefen, Hintergründe
und Abgründe, ihr Suchen nach Sinn, ihr Tasten nach Gott. Dabei lernte auch ich
mich selbst näher kennen - ich in den Landschaften meiner Seele.
Lese ich heute in Literatur über das Enneagramm,
kommt mir viel in den Sinn, das mir damals begegnet ist. Ich konnte es noch
nicht im neunfachen Enneagramm-Licht sehen. Rückblickend sehe ich es anders,
verstehe es tiefer. Umgekehrt fällt von dem, was mir damals
"eingeleuchtet" ist, Licht auf das, was Menschen heute erleben und
erleiden.
Das Enneagramm ist für mich noch Neuland, auf dem
ich noch zu wenig bewandert bin. Bereits jetzt kann ich Richtungen andeuten, in
die ich Menschen heute begleiten möchte. Neun Wünsche möchte ich ihnen in ihr
Leben mitgeben - jedem einen Wunsch auf seinem Weg. Dazu Worte aus meinen
Schriften - als Proviant auf dem Weg.
1
Du möchtest besser sein als Du bist. Du strebst nach
mehr Leben in Deinem Leben. Dein Streben nach mehr Vollkommenheit ist gut; es
ist die Basis für Deine Berufung. Aber bedenke: Möchtest Du zum Himmel fliegen,
landest Du auf der Erde. Im Hier und Heute bist Du zuhause. Der Alltag ist Dein
Weg. Deshalb mein Rat. Strebe weniger nach dem Außergewöhnlichen, lebe vielmehr
das Gewöhnliche außergewöhnlich gut! Bedenke:
"Wir verlangen manchmal so sehr gute Engel zu
sein, daß wir darüber vergessen, gute Menschen zu sein." - "Das ist das Übel
aller Übel bei den Menschen guten Willens, daß sie immer das sein wollen, was
sie nicht sein können, und das nicht sein wollen, was sie sein könnten." Mein
Wunsch an Dich: Werde, der Du bist!
2
Du möchtest Menschen liebhaben, dich für andere
verbrauchen, dich von ihnen brauchen lassen. Dein Wunsch zu lieben ist
natürlich und gut; er verleiht Deinem Herzen Hände. Dabei kannst Du allzugerne
übersehen: Liebe will freies Geschenk sein - gratis empfangen und gratis
gegeben. Solche Gratis-Liebe hat mit Gottes Gnade zu tun. "Gnade" und
"gratis" haben eine gemeinsame Wortwurzel. Wahre Liebe ist nicht
Warenliebe, nicht Haben-Wollen, sondern Sein-Dürfen. Du darfst Du sein - vor
Dir, vor Menschen, vor Gott. Magst Du Dich, wie Du bist, vermagst Du zu lieben,
wieviel Du willst.
"Wir können die Mitmenschen nie zuviel lieben,
sofern die Liebe wirklich im Herzen wurzelt; die Äußerungen der Liebe
allerdings können verkehrt, übertrieben und unvernünftig sein."
3
Du willst erfolgreich sein, Ziele erreichen, Ansehen
erlangen. Diese Seite Deines Wunsches hat allerdings auch eine Rückseite, die
Du berücksichtigen solltest, willst Du wirklich erfolgreich werden. Nicht alles
ist Dir in die Hand gegeben. Ob Dir etwas gelingt, liegt auch in den Händen
anderer Menschen und zutiefst in Gottes Händen. Halte Dir deshalb vor Augen: "Unsere
Pflicht ist es, gut zu arbeiten; der Erfolg unserer Arbeit aber steht bei
Gott."- "Alles Gute in uns hängt von Gottes Gnade ab, auf sie müssen
wir daher auch unser ganzes Vertrauen setzen. Menschen aber, die immerfort in
fiebriger Hast sind, um soviel als möglich zu leisten, scheinen mehr auf ihre
eigene Arbeit zu bauen."
4
Du sehnst Dich darnach anders zu sein als andere.
Schön möchtest Du sein - für Dich und für andere. Du erinnerst mich an Narziß. "Nach
der Sage war Narziß ein so stolzer Jüngling, daß er nie jemand seine Liebe
schenken wollte. Als er sich aber schließlich in einer klaren Quelle
betrachtete, war er von seiner Schönheit ganz hingerissen. Wenn wir uns in
einer Quelle betrachten, erscheinen wir darin verkehrt dargestellt, den Kopf
unten und die Füße oben." Ich wünsche Dir, daß Du Dich sehen lernst,
wie Gott Dich sieht. Anders als Du Dich selbst siehst. Du darfst Dich lieben
wie Du bist, denn so bist Du von Gott geliebt. "Der Mensch erfährt sich
selbst in der Zerrissenheit seines Daseins auf unterschiedlichste Art. Aber er
darf sich selbst so annehmen, wie er ist, weil er sich von Gott geliebt weiß.
Denn Gott macht sich kein Bild vom Menschen. Er liebt jenen, der konkret,
einmalig und unvergleichlich vor ihm steht."
5
Du willst wissen, was vor deiner Haustür geschieht.
Dein Haus ist voll von Schätzen, die Du gesammelt hast. Vieles hast Du, aber
hast Du viel? Vieles haben bedeutet noch nicht viel sein. Ich gebe Dir zu
bedenken: "Manche kommen vor lauter Überlegen, wie sie es machen
sollen, überhaupt zu nichts. Die Vollkommenheit unserer Seele besteht in der
Vereinigung mit Gott, die wir nicht erreichen mit Viel-Wissen, wohl aber mit
Viel-Tun." Menschen wie Dir gebe ich gerne einprägsame Worte zu
bedenken: "Viel tun macht vollkommen, nicht aber viel wissen."
"Viel tun" - damit meine ich natürlich: mit viel Liebe tun,
liebe-voll leben.
6
Du erfüllst Deine Pflicht und erfüllst sie gerne. Du
tust Deine Arbeit und sie tut Dir gut. Du hast Deinen Platz und erlebst von ihm
aus die Welt. Du gleichst einem Matrosen auf dem Schiff, der seinem Kapitän
vertraut. "Der Seemann schaut auf dem offenen Meer, um seine Richtung
einzuhalten, mehr auf den Himmel als auf das Wasser, auf dem er dahinfährt. So
wird Gott mit dir, in dir und für dich arbeiten, und deine Arbeit wird dir
Freude bereiten." Solches Vertrauen auf Gott wandelt Deine Sorgen um
das Morgen.
"Wer Gott dienen will, sorgt sich nicht um das
Morgen; er tut treu, was Gott heute wünscht, morgen wird er tun, was Gott
morgen wünscht, und übermorgen auch."
7
Du bist am liebsten ein "Glückskind":
lieber glücklich als traurig, lieber oben und außen als unten und innen. Du
bist für mich wie die Sonnenblume, die sich in der Sonne sonnt, oder wie der
Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flattert. Ich freue mich mit Dir, möchte
Dir aber doch in Dein Poesiealbum schreiben: "Blühe, wo du gepflanzt
bist!" - "Eine einzige Arbeit, in aller Ruhe und gewissenhaft
ausgeführt, ist wertvoller als viele Arbeiten, bei denen wir uns überstürzen.
Nicht an der Menge unserer Arbeit hat Gott Freude, sondern an der Liebe, mit
der wir arbeiten." Nicht nur rosige Zeiten gibt es zu erleben, auch in
schmerzlichen Erfahrungen kann Leben aufblühen. "Was bedeutet es
letztlich, ob Gott aus Dornen oder aus Blumen zu uns spricht?"
8
Du fühlst Dich stark und läßt es andere fühlen -
nach außen. Ich frage Dich: Ist Dein selbstsicheres Gesicht nicht auch eine
Maske? Dahinter bist Du, wie Du auch bist: schwach. Du darfst so sein und Dir
sagen: "Ich will vor Gott lieber schwach sein als stark, denn die
Starken nimmt er an der Hand, die Schwachen aber nimmt er in seine Arme." Menschen,
die mit Dir zu tun haben, rate ich: "Die Zurechtweisung von Fehlern muß
ruhig und friedlich sein: Nichts besänftigt den rasenden Elefanten so leicht
wie der Anblick eines Lammes, und nichts bricht so leicht die Wucht eines
Geschosses wie weiche Wolle."
9
Du lebst gern im Heute. Heute möchtest Du zufrieden
sein. Was Dich aus der Ruhe bringt, verschiebst Du lieber auf morgen. Menschen
wie Dich kenne ich: "Wir sagen: "Morgen fange ich an, mich zu
bessern", weil wir uns derart verzärteln, daß wir alles scheuen, was uns
aus der vermeintlichen Ruhe aufstören könnte, aus einer Ruhe, die doch nichts
anderes ist als Stumpfheit und Faulheit." Dabei bist Du in guter
Gesellschaft. Auch großartige Menschen waren Menschen wie Du. "Der
Faule überlegt hin und her und spricht wie der hl. Augustinus vor seiner
Bekehrung: Ich möchte doch noch etwas zusehen; "noch ein wenig"; ich
werde mich dann schon bekehren. Der Heilige Geist aber duldet keinen Aufschub,
er verlangt ein rasches Eingehen auf seine Einsprechungen."
Im Heiligen Geist wünsche ich Dir heilige Unruhe;
sie kann für Dich heilsam sein. Und ich wünsche Dir heilige
Gelassenheit, in der Du Dir getrost sagst: "Es ist mir völlig eins, in
welche Sauce Gott mich nach seinem Willen legt, wenn ich ihm nur dienen
kann."
Liebe Philothea, lieber Theotimus!
Neun Beispiele von Briefen, wie ich sie zu meiner
Zeit geschrieben habe. Neun Kostproben, wie ich sie heute schreiben möchte - an
Menschen von A bis Z, von EINS bis NEUN, unter ihnen an Menschen wie Dich. Wo
auch immer Du Dich ansiedelst, wie auch immer Du bei Dir zuhause bist, immer
möchte ich Dir ans Herz legen: "Lobe den Herrn mit dem Angesicht, das
er dir gab." Vor IHM darst Du sein, wie Du bist, und werden, wie Du
werden kannst. Du brauchst kein Übermensch werden, Du darfst Mensch sein.
"Gott sagt nicht: Gib mir ein Herz wie das der Engel, sondern: Schenk mir
dein Herz. Es ist dein eigenes Herz, das er verlangt; schenk es ihm, so wie es
ist. Er will nichts, als was wir sind und was wir haben."
Ich grüße Dich "von Herz zu Herz".
Mit Dir unterwegs zu mehr Menschsein.
Franz von Sales
Dieser Brief möchte auf den Geschmack bringen Franz
von Sales zu entdecken.
Wer daran interessiert ist, kann weiterführende
Hinweise beim "ghostwriter" dieses Briefes erhalten:
P.
Johannes Haas, Salesianum, Rosental 1, D-85072 Eichstätt.
Tel 08421/93489-0. Fax -35.
Email: haas@osfs.at