Das „Geistliche Direktorium“ des hl.
Franz von Sales für das neue Jahrhundert:
Eine Neuinterpretation der „rechten inneren
Haltung“1
I. Das „Geistliche Direktorium“: Ein Schlüssel zur
salesianischen „Methode“ für das spirituelle Leben
Die Schriften des hl. Franz von Sales
enthalten in Verbindung mit der Gründung des Ordens der Heimsuchung eine Reihe
von „kürzeren Beiträgen“ (opuscules), die von der hl. Johanna von
Chantal und den ersten Heimsuchungsschwestern gesammelt wurden. Daraus entstand
das, was wir „Gebräuchebuch“ nennen. Unter den Teilen, die in diesem
„Gebräuchebuch“ enthalten sind, waren auch eine Reihe von „Direktiven“, also
Anweisungen, unter anderem das „Geistliche Direktorium für die täglichen
Handlungen“.2 Franz von Sales wollte, dass dieses „Geistliche
Direktorium“ von allen Heimsuchungsschwestern verwendet wird, „als besonders
hilfreich wurde es jedoch für die Ausbildung im Noviziat erachtet.“3
Der Zweck dieses „Geistliches
Direktorium für die täglichen Handlungen“ besteht darin, die Gegenwart Gottes
im Alltag bewusst zu halten und den ganz alltäglichen Tätigkeiten den Geist des
Gebetes und der Gemeinschaft mit Gott einzuflößen. Die „Artikel“ in diesem
Geistlichen Direktorium für die Heimsuchung beziehen sich auf die
unterschiedlichsten Zeiten in der Routine eines jeden Tages: Aufstehen,
Betrachtung, Essen, Stundengebet, Erholung, und so weiter. Franz schlägt für
jede dieser Tätigkeiten fromme Gedanken und entsprechende Zitate aus der Bibel
vor. In diese Gedanken und Schriftzitate streut er Beschreibungen für die
richtige Haltung und den richtigen Geist ein, den man diesen Tätigkeiten entgegenbringen
soll.
Untersucht man den besonderen Charakter
der geistlichen Begleitung des hl. Franz von Sales, so stellt man sehr bald
fest, dass die Ausarbeitung eines solchen „Geistlichen Direktoriums für die
täglichen Handlungen“ sehr gut mit seinen üblichen Methoden und Auffassungen
übereinstimmt. Schon als er an der Universität von Padua Rechtswissenschaften
studierte, erarbeitete sich Franz ein kurzes Regelbuch, um sein persönliches
geistliches Leben zu gestalten. Es ist uns unter dem Namen „Lebensregel von
Padua“ bekannt. P. Edward Carney OSFS meint dazu:
„Diese jugendliche Praxis des
Aufstellens und Befolgens einer Regel beeinflusste Franz in seiner geistlichen
Begleitung anderer Menschen in den Jahren seines Priestertums. Beispielsweise
gab er am 26. oder 27. August 1604 Frau von Chantal schriftliche Richtlinien
darüber, wie sie den Tag gut verbringen soll.“4
Spätere Briefe an Frau von Chantal und
an andere, die um seine geistliche Begleitung baten, liefern zusätzliche
Beweise dieser Praxis des hl. Franz von Sales in seiner Begleitung für jene,
die bei ihm Rat suchten.
Franz schrieb dieses „Geistliche
Direktorium“, das heute ein Teil des „Gebräuchebuches“ der Heimsuchung
darstellt, gegen Ende seines Lebens. Obwohl es im Wesentlichen für die ersten
Heimsuchungsschwestern geschrieben wurde, stellt es die Quintessenz aller
Früchte in kurzer und kompakter Form dar, die Franz von Sales in den vielen
Jahren geistlicher Erfahrung und Weisheit des eigenen christlichen Lebens und
des Leitens und Begleitens anderer hervorbrachte. Dieses „Geistliche
Direktorium“ nimmt daher einen einzigartigen Platz in den Schriften des hl.
Franz von Sales ein. Es bietet uns einen besonderen Zugang zur Art und Methode
eines großen spirituellen Lehrers.
Vor allem ein Zweig der Salesianischen
Familie betrachtet dieses „Geistliche Direktorium“ als besonders wichtig für
seine Identität und Einzigartigkeit. Dieser Zweig vereint die beiden
Kongregationen, die von P. Louis Brisson, Marie de Sales Chappuis und der hl.
Léonie Aviat in Troyes, Frankreich, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
gegründet wurden. Es sind dies die Oblatinnen des hl. Franz von Sales
(gegründet 1867) und die Oblaten (Patres und Brüder) des hl. Franz von Sales
(gegründet 1875).5 Die Satzungen der Oblaten (Patres und Brüder)
halten beispielsweise ausdrücklich fest, wie wichtig das „Geistliche
Direktorium“ für ihr Leben und ihre Identität ist:
„Das besondere Charisma der Kongregation
besteht im Geist des heiligen Franz von Sales, und das bevorzugte Mittel,
diesen Geist zu erlangen, ist das Geistliche Direktorium für die täglichen
Handlungen. Pater Brisson hat den Oblaten die treue Übung des Direktoriums
vorgeschrieben als ihr spezifisches Mittel, das Bild des heiligen Franz von
Sales nachzuzeichnen, der selbst Abbild des Herrn war.“6
II. Die „rechte innere Haltung“: Das
Herz des Geistlichen Direktoriums
Zur Verwendung der Mitglieder seiner
Kongregationen überarbeitete P. Brisson das „Geistliche Direktorium“ aus dem
„Gebräuchebuch“ der Heimsuchung. In dieser überarbeiteten Form trägt der erste
Abschnitt („1. Artikel“) den Titel „Vom Aufstehen und der rechten inneren
Haltung“. Auf diese „rechte innere Haltung“ möchte ich nun im Besonderen
eingehen. Ich behaupte, dass uns diese einen einzigartigen Einblick in die Bemühungen
des hl. Franz von Sales gibt, unseren christlichen Alltag zu leben. Ferner
möchte ich zeigen, wie diese „rechte innere Haltung“ eine besondere Bedeutung
für die Nachfolger der Lehre des hl. Franz von Sales auf das geistliche Leben
in unserer modernen Welt besitzt.
Der Text dieser Anweisung des hl. Franz
von Sales zur „rechten inneren Haltung“, so wie er für die Oblaten durch P.
Brisson bearbeitet wurde, lautet folgendermaßen:
„Die Oblaten, die geistliche
Fortschritte machen und auf dem Weg des Herrn vorankommen wollen, müssen am
Beginn all ihrer Handlungen, der äußeren wie der inneren, Gottes Gnade erflehen
und alles, was sie Gutes tun werden, Seiner göttlichen Güte darbringen; so
bereiten sie sich vor, alle Mühe und Abtötung, der sie dabei begegnen, in
Frieden und sanftmütigen Sinnes zu ertragen, weil auch dies aus der väterlichen
Hand unseres guten Gottes und Erlösers kommt. Seine Heilige Absicht ist es ja,
sie auf diese Weise Verdienste erwerben zu lassen, um sie danach mit der Fülle
seiner Liebe zu belohnen. Die Oblaten sollen diese inneren Akte auch in
Kleinigkeiten oder Belangen, die ihnen unbedeutend erscheinen, keineswegs
vernachlässigen; selbst dann nicht, wenn ihnen etwas aufgetragen wird, was
ihnen durchaus angenehm ist, ja sogar ihrem eigenen Wunsch und Bedürfnis
entspricht, wie etwa Essen, Trinken, Ausruhen und Erholen, oder ähnliches. So
wird gemäß dem Rat der Apostel alles, was sie tun, im Namen Gottes und allein zu
Seinem Wohlgefallen geschehen.“7
Man kann sofort die Wichtigkeit dieses
Abschnittes und den Grund dafür erahnen, warum er beinahe ganz am Beginn des
„Geistlichen Direktoriums“ steht. Die rechte innere Haltung bezieht sich nicht
auf eine besondere Tätigkeit. Eher geht es um eine Haltung und ein Bemühen, das
man allen Tätigkeiten entgegenbringen soll, sogar bei „Kleinigkeiten
oder Belangen, die ... unbedeutend erscheinen.“ P. Roger Balducelli OSFS
kommentiert dies folgendermaßen:
„Während das Direktorium als Ganzes
Anweisungen gibt, wie bestimmte Tätigkeiten ausgeführt werden sollen,
beschreibt die rechte innere Haltung die Grund-Haltung für alle Tätigkeiten und
Übungen in Beziehung zu Gott. Damit ist sie an sich keine Übung im üblichen
Sinne, sondern es geht um den Stil, um die Art und Weise, wie die Übungen
gemacht werden sollten.“8
Folgerichtig weist P. Balducelli darauf
hin, dass der englische Ausdruck „Direction of Intention“ („Richtung der
Absicht“) nicht deutlich genug diese „Grund-Haltung aller Tätigkeiten und
Übungen in Beziehung zu Gott“ zum Ausdruck bringt. Eine genauere Bezeichnung
dafür wäre eher der Ausdruck „richtige Haltung gegenüber den Tätigkeiten“:
„Ältere französische Ausdrücke verraten
[...] wie man sich die Bedeutung korrekt vorstellen soll. Der 1. Artikel der
revidierten Fassung trägt den Titel ‚[...] und die Rechtmäßigkeit der
Absicht’. ‚Rechtmäßigkeit’ (‚droicture’) ist genau das, was das Direktorium als
jene ‚rechte innere Haltung’ beschreibt, die den Handlungen eingeprägt werden
soll [...]“9
Als er sein „Geistliches Direktorium für
die täglichen Handlungen“ mit diesem Abschnitt über die „rechte innere Haltung“
einleitete, hatte Franz von Sales die ganze Bandbreite der Handlungen im Sinne,
die unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit im Laufe des Alltags beanspruchen.
Das betrifft sogar die ganz gewöhnlichen und weltlichen Tätigkeiten, wie
„Essen, Trinken, Ausruhen und Erholen, oder ähnliches“. Indem man sich bewusst macht,
dass all das zur Ehre Gottes geschieht, wird alles „im Namen Gottes und allein
zu Seinem Wohlgefallen geschehen.“
Mit anderen Worten: Franz erklärt den
Zweck dieser „Haltung“ als eine Methode des Einzelnen, ein „frommes Leben“ zu
führen und in den Himmel zu gelangen: „Seine (Gottes) heilige Absicht ist es
ja, sie auf diese Weise Verdienste erwerben zu lassen, um sie danach mit der
Fülle seiner Liebe zu belohnen.“
Franz konzentriert sich fast gänzlich
auf den Einzelnen und auf ihr oder sein Wachstum in der Heiligkeit, auf deren
Fortschritte im Gebet und im tugendhaften Leben. Die Aufmerksamkeit der Person
wird dabei immer wieder auf die Gegenwart Gottes inmitten der alltäglichen
Beschäftigungen gelenkt.
Um das Wesen der Handlungen selbst,
deren Auswirkungen auf andere oder auf die Welt scheint es Franz von Sales
dabei weniger zu gehen, und auch nicht um die Möglichkeit, mit diesen
Handlungen eine gerechtere und friedvollere menschliche Gesellschaft zu
schaffen. Schon in einem früheren Artikel habe ich Folgendes geschrieben:
„Die Schriften des hl. Franz von Sales
scheinen vorwiegend auf die persönliche Änderung und Umkehr Wert zu legen. Sehr
wenig sei jedoch das zu finden, was auf die großen Fragen der sozialen
Gerechtigkeit Bezug nimmt, oder auf die Herausforderungen der heutigen
Jesusnachfolger antwortet, die auf einen fundamentalen Strukturwandel zur
Veränderung der Gesellschaft hinarbeiten.“10
Das Zweite Vatikanische Konzil markiert
ein entscheidendes Umdenken in unserer Anerkennung, dass alle unsere Handlungen
als menschliche Wesen, die wir im „globalen Dorf“ Welt leben, eine Bedeutung
für die ganze Welt haben. Auch die normalste Tätigkeit, wie etwa das Trinken
einer Tasse Kaffee oder das Ein- und Ausschalten einer Lampe, verbindet uns mit
dem ganzen, sogar weltweiten Netzwerk sozialer, politischer und
wirtschaftlicher Faktoren. Jede Handlung besitzt in gewisser Weise die
Möglichkeit, diese Welt und unsere menschliche Gesellschaft in eine bessere,
lebens-verbessernde Richtung zu lenken oder sie tiefer in Chaos und Tod zu
stürzen. Moderne Denker und Theologen wie Karl Rahner oder Teilhard de Chardin
haben diesen größeren Bedeutungsgehalt unserer Handlungen als einzelne Menschen
aufgegriffen. Und sie haben auch auf die theologischen Konsequenzen
hingewiesen. Neben unserem „persönlichen Fortschritt zur Heiligkeit“ verwickeln
uns all unsere Handlungen auch in das göttliche Schöpfungs- und Heilshandeln
für die Menschheit und das Universum.
In seinem Aufsatz „Frömmigkeit früher
und heute“ umreißt zum Beispiel Karl Rahner die Art der Frömmigkeit, die einem
Christen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entspricht, folgendermaßen:
„Wenn das II. Vatikanum die Christen
mahnt, ihre Aufgabe in der Welt von heute zu sehen, mitzuarbeiten mit allen an
der Erbauung einer größeren, freieren, menschenwürdigeren Welt, Verantwortung
und Mut zu haben, nicht bloß auf die moralischen Weisungen der amtlichen Kirche
zu warten, nicht nur zu fragen, wie man etwas tun müsse, um bei Gott nicht
anzustoßen, sondern zu fragen, was man tun könne, damit das Leben lebenswerter
werde, dann [...] befiehlt [die Kirche] ihren Gläubigen, christlich ihre
Aufgaben wahrzunehmen, die es früher so nicht gab.“11
Rahner betont die soziale und politische
Dimension dieses neuen Verständnisses unserer täglichen Handlungen im
Zusammenhang unserer christlichen Berufung:
„Der Christ kann nicht von vornherein
von der Politik als einem ‚schmutziges Geschäft’ reden und von Gott erwarten,
dass er anderen als ihn dieses ‚schmutzige Geschäft’ so betreiben lasse, dass
er selbst in kleinbürgerlicher Behäbigkeit seiner stillen Frömmigkeit nachgehen
kann.“12
Teilhard de Chardin hat ein
ähnliches Verständnis vom breiteren, alles umfassenden Konzept der christlichen
Berufung. Er beschreibt die „natürliche und übernatürliche Verbindung allen
Handelns auf der Welt“ allerdings etwas poetischer:
„Jedes Wachstum, das ich mir selbst oder
den Dingen verschaffe, vermehrt meine Kraft zu lieben und bedeutet einen
Fortschritt in der glückseligen Besitznahme des Universums durch Christus. Zwar
erscheint uns unsere Arbeit vor allem als Mittel, das tägliche Brot zu
verdienen. Aber ihr letzter Wert ist viel höherer Art. Durch die Arbeit
vollenden wir in uns das Subjekt der göttlichen Vereinigung und durch sie
vergrößern wir auch in gewissem Sinne – in Bezug auf uns – das göttliche
Ergebnis dieser Vereinigung, Unsern Herrn Jesus Christus.“13
In der Pastoralkonstitution über die
Kirche in der Welt von heute „Gaudium et Spes“ lässt das II. Vatikanum diese
Gedanken de Chardins nachklingen. Die Konzilsväter erkennen, dass alle unsere
Handlungen eine Bedeutung für die ganze Welt haben:
„Eines steht für die Glaubenden fest:
das persönliche und gemeinsame menschliche Schaffen, dieses gewaltige Bemühen
der Menschen im Lauf der Jahrhunderte, ihre Lebensbedingungen stets zu
verbessern, entspricht als solches der Absicht Gottes. Der nach Gottes Bild
geschaffene Mensch hat ja den Auftrag erhalten, sich die Erde mit allem, was zu
ihr gehört, zu unterwerfen, die Welt in Gerechtigkeit und Heiligkeit zu
regieren und durch die Anerkennung Gottes als des Schöpfers aller Dinge sich
selbst und die Gesamtheit der Wirklichkeit auf Gott hinzuordnen, so dass alles
dem Menschen unterworfen und Gottes Name wunderbar sei auf der ganzen Erde. Das
gilt auch für das gewöhnliche alltägliche Tun; denn Männer und Frauen, die,
etwa beim Erwerb des Lebensunterhalts für sich und ihre Familie, ihre Tätigkeit
so ausüben, dass sie ein entsprechender Dienst für die Gemeinschaft ist, dürfen
überzeugt sein, dass sie durch ihre Arbeit das Werk des Schöpfers
weiterentwickeln, dass sie für die Wohlfahrt ihrer Brüder sorgen und durch ihre
persönliche Bemühung zur geschichtlichen Erfüllung des göttlichen Plans
beitragen [...] Daraus wird klar, dass die christliche Botschaft die Menschen
nicht vom Aufbau der Welt ablenkt noch zur Vernachlässigung des Wohls ihrer
Mitmenschen hintreibt, sondern sie vielmehr strenger zur Bewältigung dieser
Aufgaben verpflichtet.“14
Das bedeutet: Der Künstler, der eine
Statue meißelt, der Lehrer, der Kindern das Lesen beibringt, der Ingenieur, der
eine mächtige und sichere Brücke baut, der Wissenschaftler, der eine bessere
Heilungsmethode für eine gefürchtete Krankheit entdeckt, alle haben Anteil
daran, dass sich die Welt „zur glückseligen Besitznahme des Universums durch
Christus“ hin bewegt, zu dem Gott sie erschaffen hat. Umso mehr sollten die
Gläubigen in ihren täglichen Arbeiten dieses Ziel vor Augen haben. Auf die eine
oder andere Weise können alle unsere Taten einen Beitrag zur Vollendung des
Schöpfungsplanes leisten oder diesen stören. Dieser Plan zielt auf das neue
Jerusalem, so wie es der Prophet der Offenbarung schildert:
„Dann sah ich einen neuen Himmel und
eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch
das Meer ist nicht mehr [...] Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her
rufen:
Seht, die Wohnung Gottes unter den
Menschen!
Er wird in ihrer Mitte wohnen,
und sie werden sein Volk sein;
und er, Gott, wird bei ihnen sein.
Er wird alle Tränen von ihren Augen
abwischen:
Der Tod wird nicht mehr sein,
keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.
Denn was früher war, ist vergangen.“15
Das tiefe Vertrauen in die Fähigkeit der
menschlichen Kreativität und Begabung zur Förderung des Fortschritts und zur
Schaffung einer besseren Welt erweckte den Optimismus und die Hoffnung, die für
die Schriften von de Chardin und den Vätern des Zweiten Vatikanischen Konzils
charakteristisch sind. Dieser Optimismus und diese Hoffnung befähigten sie, den
Blick auf jenen Weg zu lenken, wie das Leben in dieser Welt gelebt werden
könnte und sollte. Ihre Vision davon, was für die menschliche Gesellschaft
möglich ist, entfachte die Ideen und die Begeisterung aller Katholiken und
aller Menschen guten Willens.
In jüngerer Zeit haben allerdings
Befreiungstheologen und andere diesen Optimismus und diese Hoffnung etwas
gedämpft. Sie haben uns auf die zahllosen Ungerechtigkeiten, die heute unsere
Welt plagen, und auf die weitverbreitete Armut, die soviel Leid und Tod über
unzählige Bewohner unserer Erde bringt, aufmerksam gemacht. Diese
Ungerechtigkeiten sind die Folge der unterdrückenden und ausbeutenden Eigenart
der Strukturen der Macht: das Ungleichgewicht in unseren Wirtschaftssystemen
oder der Ausschluss so vieler vom Entscheidungsfindungsprozess über Dinge, die
ihr tägliches Leben und ihre Zukunft beeinflussen.16
Ein Beseitigung der Armut und ein Ende
dieser Ungerechtigkeiten kann nur durch eine Änderung der wirtschaftlichen,
politischen und gesellschaftlichen Ordnungen in unserer Gesellschaft zustande
kommen. Jeder von uns ist auf die eine oder andere Weise in diesem Netz
gefangen, das von diesen Strukturen der Macht geknüpft wurde. Deshalb müssen wir
lernen, dass das von Jesus verkündete Reich Gottes nicht nur zur persönlichen metanoia,
zu einer Veränderung des Herzen eines jeden Einzelnen aufruft. Das Kommen
dieses Reiches erfordert auch eine Veränderung dieser ungerechten Strukturen
und Ordnungen, die Gier, Ausbeutung und Unterdrückung fördern und sogar
belohnen. Der aus Indien stammende Bibelwissenschaftler George Soares-Prabhu
hat eine klare Beschreibung unserer zweifachen Aufgabe in der Jesusnachfolge
geliefert:
„Das Reich [Gottes] ruft uns deshalb zur
Änderung der Herzen und zur Änderung der Strukturen auf. Eine Änderung der
Herzen ohne eine Änderung der Strukturen [...] wird an der gegenwärtigen
Unterdrückung nichts ändern. Eine Änderung der Strukturen ohne eine Änderung
der Herzen wird neue Unterdrückung hervorbringen, weil die ‚befreiten’
Unterdrückten von den bösen Geistern der Selbstsucht und Gier getrieben werden,
die sie dann selbst zu Unterdrückern machen. Nur beide Änderungen zusammen
können eine Welt gestalten, in der es weder Unterdrücker noch Unterdrückte
gibt, da die Menschen gelernt haben in Freundschaft und Freiheit
zusammenzuleben, ohne einander auszubeuten.“17
In der Vergangenheit haben die Schüler
des hl. Franz von Sales bei der „rechten inneren Haltung“ betont, dass diese
ein besonderes Mittel zur persönlichen Umwandlung und Förderung auf dem Weg zu
Gott ist. Durch die „rechte innere Haltung“ bei unseren Tätigkeiten „hält Gott
in unserem Inneren als konstante, ungebrochene und alles-umfassende Gegenwart
Einzug.“18 Wie ich allerdings im vorigen Abschnitt erläutert habe,
müssen wir das Verständnis über unsere täglichen Beschäftigungen erweitern und
ihre Auswirkungen auf die Welt, in der wir leben, mitberücksichtigen. Alle
unsere Handlungen haben eine gewisse Wirkung, sei es gut oder schlecht, auf
andere Menschen, auf die Welt, auf das weitverzweigte Netz der Institutionen
und Einrichtungen, in der wir eine Rolle als Glieder der menschlichen Gesellschaft
und als Bewohner des Universums spielen. Daher muss die „rechte innere Haltung“
bei jeder Handlung auch ihre äußeren Dimensionen miteinbeziehen. „Sich die
Gegenwart Gottes bewusst machen“ ist nicht genug, wenn wir uns dabei nur darauf
beschränken, die Anwesenheit Gottes in unserem „Inneren“ zu fördern. Wir
sollten ebenso jede „Rechtmäßigkeit“ unserer Handlungen auch dahingehend
überprüfen, ob sie in der weiteren Außenwelt um uns herum eine Kraft darstellt,
welche die „glückselige Besitznahme des Universums durch Christus“ fördert.
Nun können wir erkennen, wie uns ein
Programm zur Erlangung christlicher Vollkommenheit immer wieder dazu bringt,
die unterschiedlichen Bereiche des Lebens zu prüfen und zu bewerten – Familie,
Arbeit, Freizeit und unsere Verpflichtungen auf der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Ebene. Durch die „rechte innere Haltung“ bei
unseren Taten wird Gott nicht nur der ständige Begleiter unseres täglichen
Lebens. Gott und Gottes Plan für unsere Welt und unsere menschliche Gesellschaft
werden ausdrücklich zum Ziel für alles, womit wir verbunden sind. Unsere
persönliche Wandlung hinsichtlich einer tieferen Vereinigung mit Gott durch
Gebet und durch das Wissen um seine Gegenwart in jeder Handlung ist verknüpft
mit der Möglichkeit, dass diese Handlungen auch dazu beitragen können, dass
sich die menschliche Gesellschaft hin zu einer gerechteren und friedvolleren
Welt verändert. Mit den Worten de Chardins heißt das: „Gott ist in der Ganzheit
unseres Handelns unbegrenzt ertastbar.“19
Jemand, der die Schriften des hl. Franz
von Sales ohne Wissen seines Lebens und seiner Handlungen liest, könnte sie
sehr leicht als Förderung einer rein individualistischen und privatistischen
Frömmigkeit missverstehen. Wir müssen jedoch die Werke des hl. Franz von Sales
über das spirituelle Leben auf dem Hintergrund seiner tiefen Verquickung in die
Angelegenheiten und Ereignisse seines Alltags betrachten. Er war als
öffentliche Person völlig in die täglichen Geschäfte eingebunden: als Bischof,
Schriftsteller, Gründer, Reformer, Diplomat – und Heiliger.20 In
diesem Licht besehen kann man die Genialität seiner Anleitung zum geistlichen
Leben noch viel höher schätzen: seine Konkretheit, Praktikabilität, Einfachheit
und Attraktivität. Sein Konzept passt hervorragend, um den täglichen
„Geschäften“, die voller Ablenkungen sind, die so leicht unsere Aufmerksamkeit
stören können und dadurch unseren Sinn für Richtung und Zweck unseres Lebens
vernebeln, den Geist des Gebetes und die Verpflichtung für die Werte des
Evangeliums einzuflößen.
Franz war jedoch auch ein Kind seiner
Zeit. Er war mit Sicherheit kein „Befreiungstheologe“ im modernen Sinn des
Wortes, noch warf er Fragen über die soziale Ordnung seiner Zeit auf. Trotzdem
haben seine Schriften als „Klassiker“ der Spiritualität einen „Mehrwert der
Bedeutung“, sind also „bis heute [...] maßgebend und zeitlos gültig“.21
Mit anderen Worten: Wenn Leser späterer Epochen und aus anderen kulturellen
Bereichen an die Schriften des hl. Franz von Sales mit unterschiedlichem
Hintergrund und anderen Fragen herantreten, können diese Schriften trotzdem
auch für sie auf neue Weise sprechen und neue Bedeutungen und Einsichten
hervorbringen. Solche Bedeutungen und Einsichten können sogar außerhalb der ursprünglichen
Absicht des Verfassers liegen und diese erweitern. John Chethimattam schreibt:
„ [...] von den klassischen religiösen Texten sagt man, sie hätten immer ein
Übermaß an Bedeutung, das heißt, sie bedeuten mehr als sie tatsächlich
aussagen.“22 Solange diese neue Lesart die Gedanken des hl. Franz
von Sales weder verraten noch verzerren, stellen sie eine legitime Entwicklung
und Ausdehnung seiner Einsichten und Ideen dar.
Das mag ein wenig von dem erklären, was
ich beim Neu-Lesen dieses klassischen Textes des hl. Franz von Sales aus dem
Geistlichen Direktorium über die „rechte innere Haltung“ bei den täglichen
Handlungen machte. Ich habe gezeigt, wie sich der Geist des hl. Franz von Sales
und der kraftvolle Wandlungscharakter seiner Spiritualität hier im Zentrum
seiner Bemühungen um das tägliche christliche Leben kundtun. Seine
Schwerpunktsetzung auf die „rechte innere Haltung“ für unsere täglichen
Beschäftigungen, die uns in neue Geschöpfe verwandeln kann, ist offen für eine
Erweiterung des Anwendungsbereiches über die inneren Haltungen hinaus. Wir
können den täglichen Beschäftigungen gegenüber auch jene „rechte innere
Haltung“ einnehmen, die uns deren Potential bewusst werden lässt, dass sie auch
unsere Gesellschaft und unsere Welt verwandeln können. Auf diese Weise bringen
wir die zwei Dimensionen unseres Lebens als menschliche Wesen – die innere und
die äußere – zusammen und verbinden sie miteinander für ein einziges, an das
Reich Gottes orientiertes Mühen. Das Bemühen um ein inneres Bewusstsein für die
ständige Gegenwart Gottes mit uns wird verknüpft mit dem äußeren Ziel unserer
Bemühungen, eine gerechtere und friedlichere menschliche Gesellschaft zu
schaffen.
Ich möchte mit einem Vorschlag für die
Neuformulierung eines Gebetes für die „rechte innere Haltung“ schließen, die
diese neue Methode des Verstehens berücksichtigt:
„Mein Gott, sei mir gnädig. Ich schenke
dir all das Gute, dass ich in dieser Handlung tun werde und all das Leid und
den Schmerz, den ich dabei entdecke. Sei mir nahe und hilf mir zu erkennen, wie
das, was ich tue, ich so tun kann, um ‚die glückselige Besitznahme Christi über
das Universum’ zu fördern. Amen.“23
1 Das
englische Original dieses Beitrages erschien unter dem Titel „St. Francis de
Sales’ Spiritual Directory for a New Century: Re-interpreting the Direction of
Intention“ in: Indian Journal of Spirituality, Bd. XIV, Nr. 4
(October-Dezember 2001), S. 377-391. Übersetzung ins Deutsche durch Herbert
Winklehner.
2 Directoire des choses
spirituelles, in: Oeuvres de saint François de Sales, Evêque de Genève et
Docteur de l'Eglise. Edition complete, Annecy, 1893-1963, Band 25 (Opuscules,
Cinquième Série - La Visitation), S. 137-175. Eine volkstümliche Fassung für
Laien wurde von Lewis S. Fiorelli OSFS veröffentlicht: Leben in Gott, Ein
Leitfaden für Christen nach dem „Direktorium“ des hl. Franz von Sales,
Eichstätt, 1994.
3 Edward J.
Carney, The Spiritual Directory of St. Francis de Sales, A Question of
Authorship, in: The Communicator, Newsletter of the Institute of Salesian
Studies, Bd. 1, Nr. 3, Maryland, 1971, S. 5, Fußnote 26.
4 Ebd., S. 1.
5 Die Biografie über P. Brisson von
Katherine Burton (So Much, So Soon, Father Brisson, Founder of the Oblates of
St. Francis de Sales, New York, 1952) liefert eine kurze Beschreibung über sein
Leben und jene Ereignisse, die zur Gründung der beiden Kongregationen zusammen
mit der hl. Léonie Aviat und der Heimsuchungsschwester Marie de Sales Chappuis
führten. In deutscher Sprache gibt es dazu das Buch: Prosper Dufour, Ein
Werkzeug der Vorsehung, Leben des Dieners Gottes Alois Brisson, Eichstätt und
Wien, 1954, besonders die Seiten 111-165.
6 Unsere Sendung, Satzungen der Oblaten des
hl. Franz von Sales, Eichstätt und Wien, 1991, Nr. 14, S. 20.
7 Unser Weg, Geistliches Direktorium für die
Oblaten des hl. Franz von Sales, Eichstätt und Wien, 1982, S. 19-20. Die
Überarbeitung folgt fast wörtlich dem französischen Originaltext. Die einzige
Veränderung besteht darin, dass die Anrede „Schwestern (les Seurs)“ durch
„Oblaten“ ersetzt wurde. Der Apostel, von dem hier die Rede ist, ist Paulus (1
Kor 10,31; Kol 3,17). Es gibt auch verschiedene konkrete Formulierungen, wie
man sich diese „rechte innere Haltung“ vor jeder Tätigkeit in Erinnerung rufen
kann. Zum Beispiel: „Mein Gott, schenke mir deine Gnade. In deine Hände lege
ich all das Gute, das ich jetzt tun werde, und auch allen Schmerz und alles
Leid, das ich darin finde. Amen.“
8 Roger
Balducelli, A Commentary on the Directory of St. Francis de Sales, 5. Kapitel „On
Intention“, S. 66 (Privatdruck; Das 5. Kapitel ist datiert auf den 25. März
1973).
9 Ebd., S. 66. Weiter schreibt Balducelli:
„Ähnlich richtig ist auch der Ausdruck ‚dresser son intention’ [Ausrichtung der
Intention], der in anderen französischen Ausgaben auftaucht. ‚Dresser’ bedeutet
in diesem Zusammenhang ‚errichten, ausrichten, herstellen’. Und genau darum
geht es in dieser Unterweisung“ (S. 66-67).
10 Anthony R. Ceresko, Eine hermeneutische
Methode zur befreiungstheologischen Interpretation des hl. Franz von Sales, in:
Jahrbuch für salesianisch Studien, Band 32, Eichstätt, 1999, S. 52-63, hier S.
52.
11 Karl Rahner, Schriften zur Theologie, Band
VII: Zur Theologie des Geistlichen Lebens, Einsiedeln, 1966, S. 26.
12 Ebd., S. 26f.
13 Pierre Teilhard de Chardin, Der göttliche
Bereich. Ein Entwurf des inneren Lebens, Olten, 5. Auflage, 1965, S. 47.
14 Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt
von heute“ (Gaudium et Spes), Nr. 34 („Der Wert des menschlichen Schaffens“),
in: Kleines Konzilskompendium, hg. v. Karl Rahner / Herbert Vorgrimler,
Freiburg i. Br., 1966, S. 480f.
15 Offenbarung 21,1-4 (Einheitsübersetzung).
Vergleiche auch die Visionen, die in Jesaja 11,1-9 und 25,6-10a beschrieben
sind.
16 Vgl. zum
Beispiel Felix Wilfred, Church's Commitment to the Poor in the Age of
Globalization, in: Vidyajyoti Journal of Theological Reflection 62/2 (February
1998), S. 79-95. In einem neueren Artikel hat Wilfred (The Agenda of the Victims,
The Poor Explore the Hopes for a New Century, in: Jeevadhara, A Journal of Christian
Interpretation, Bd. 30, Nr. 175 [Januar 2000], S. 7-28) Folgendes angemerkt:
„Wie menschlich wir wirklich geworden sind, das ist die beunruhigende Frage der
Opfer am Beginn eines neuen Jahrhunderts. Das Jahrhundert, das zu Ende gegangen
ist, kann sich vieler menschlicher Leistungen rühmen. Sie alle könnten
allerdings von der Menschheit den falschen Eindruck erwecken, sie sei ständig
im Fortschritt begriffen. Wir kommen jedoch zu einer ernüchternden Erkenntnis,
wenn wir darüber nachdenken, wo wir stehen und dabei auf das Elend und die Not
schauen, die für die Mehrheit der Menschen auf dieser Welt charakteristisch
sind. Jahr für Jahr veröffentlicht das Entwicklungsprogramm der Vereinten
Nationen (UNDP) beunruhigende Fakten über die skandalöse Ungleichheit, die
unsere Welt und unsere Gesellschaft kennzeichnen. Solange diese Situation
fortbesteht, kann niemand wirklich von Fortschritt reden“ (S. 15). In der Fußnote zitiert Wilfred den Huntan Development
Report, 1999, 1998, Delhi; und den Human Development Report 1997, New York.
17 George M.
Soares-Prabhu, The Kingdom of God, Jesus' Vision of a New Society, Bangalore,
1981, S. 29.
18 Roger
Balducelli, A Commentary on the Directory, S. 69.
19 Pierre Teilhard de Chardin, Der göttliche
Bereich, S. 48.
20 Vgl. dazu die umfassende Biografie über
Franz von Sales von E. J. Lajeunie, Franz von Sales. Leben – Lehre – Werk,
Eichstätt, 2. Auflage, 1980; oder auch: Dirk Koster, Franz von Sales,
Eichstätt, 2002.
21 Anthony R. Ceresko, Eine hermeneutische
Methode, S. 54f. Vgl. auch Paul Ricoeur,
Interpretation Theory: Discourse and the Surplus of Meaning, Fort Worth, 1976.
22 John B.
Chethimattam, Religion the Cutting Edge of Culture, in: Jeevadhara, A Journal
of Christian Interpretation, Bd. XXXI, Nr. 184 & 185 (Juli & September
2001), S. 349-365, siehe besonders S. 363.
23 Vgl. oben, Anm. 6.