Eine hermeneutische Methode zur befreiungstheologischen
Interpretation des hl. Franz von Sales
von Anthony R.
Ceresko OSFS(1)
(Translated
by Herbert Winklehner, OSFS and published on this site with the kind permission
of the Vidyajyoti Journal of Theological Reflection)
I. Die Notwendigkeit einer "Neuen
Hermeneutik"
für das Lesen und Interpretieren des hl. Franz von
Sales
Jeder, der sich mit Franz von Sales beschäftigt oder
seine Spiritualität erforscht, entdeckt eine Fülle von wertvollen Ratschlägen
für ein Leben im Geist des Evangeliums. Sein klassisches Werk, die
"Philothea" oder "Einführung in das fromme Leben", war in
den letzten vier Jahrhunderten für unzählige Tausende von Christen der
Schlüssel zu einem Leben des Gebetes und der Jesusnachfolge.(2) Trotzdem gibt
es auch jene, die behaupten, daß diese Art von Spiritualität überholt sei, da
sie nicht mehr länger den Nöten und Anforderungen der Christen von heute standhalten
könne. Die Schriften des hl. Franz von Sales scheinen vorwiegend auf die
persönliche Änderung und Umkehr wert zu legen. Sehr wenig sei jedoch das zu
finden, was auf die großen Fragen der sozialen Gerechtigkeit bezug nimmt, oder
auf die Herausforderungen der heutigen Jesusnachfolger antwortet, die auf einen
fundamentalen Strukturwandel zur Veränderung der Gesellschaft hinarbeiten.
Die verschiedenen Bewegungen in der heutigen Welt und
Kirche und die Schriften der Befreiungstheologen haben uns verstärkt bewußt
gemacht, daß das Reich Gottes, das von Jesus verkündet wurde, auf beides zielt:
auf eine Änderung des Herzens und auf eine Änderung der gesellschaftlichen
Strukturen. Der indische Bibelwissenschaftler George Soares-Prabhu hat diese
zweifachen Aufgabe in der Nachfolge Jesu klar beschrieben:
"Eine Änderung der Herzen ohne eine Änderung der
Strukturen ... wird die gegenwärtige Unterdrückung nicht überwinden. Eine
Änderung der Strukturen ohne eine Änderung der Herzen wird zu neuer
Unterdrückung führen, da die 'befreiten' Unterdrückten von den ungezügelten
Dämonen des Egoismus und der Habgier getrieben werden. Diese nehmen sie in
Besitz, damit sie selbst zu Unterdrückern werden. Nur beide Änderungen zusammen
können eine Welt gestalten, in der es weder Unterdrücker noch Unterdrückte
gibt, weil die Menschheit gelernt hat, in Freiheit und Geschwisterlichkeit
zusammenzuleben, ohne einander auszubeuten."(3)
Aus diesem Grund möchte dieser Beitrag folgende
Fragen behandeln: Welchen Stellenwert hat die salesianische Spiritualität in
diesem neuen Kontext und im Angesicht der neuen Herausforderungen im Einsatz
für eine gerechtere und friedlichere menschliche Gesellschaft? Haben uns die
Schriften des hl. Franz von Sales heute irgendetwas zu den Fragen nach der
Veränderung der Gesellschaft und der Notwendigkeit einer wirtschaftlich,
politisch und sozial gerechteren Ordnung in unserer Welt zu sagen?
II. Eine "Neue Hermeneutik" für die
"Exerzitien"
des hl.
Ignatius von Loyola
Ähnliche Fragen wurden auch an andere klassische
geistliche Schriftsteller gestellt, zum Beispiel an den hl. Ignatius von Loyola
und seine "Exerzitien". P. Rudolph C. Heredia SJ reagierte etwa auf
den Vorwurf, daß "die Exerzitien des hl. Ignatius zu einer Privatisierung
der Spiritualität beitragen und damit die soziale Gleichgültigkeit
fördern."(4) Er spricht sich daher für eine Veränderung der Exerzitien
aus, weg von bloß privaten geistlichen Übungen. Er argumentiert, daß "wir
ein neues hermeneutisches Verständnis der Exerzitien brauchen, welches das
ignatianische Charisma für uns heute lebendig macht, indem die Exerzitien im
Licht unserer Verpflichtung zur Glaubensgerechtigkeit neu gelesen
werden."(5) Deshalb schlägt er eine Methode vor, die helfen soll, die
Exerzitien für heute bedeutsamer zu machen.
P. Heredia macht den Vorschlag, einige der jüngsten
Entwicklungen in der Bibelinterpretation zu übernehmen und auf die Schriften
des hl. Ignatius anzuwenden. Dabei bezieht er sich besonders auf das Werk der
Befreiungstheologen, in dem diese eine hermeneutische Strategie zum Neu-Lesen
und Neu-Interpretieren der Bibel formulieren. Diese Befreiungstheologen bauen
auf die traditionelle historisch-kritische Methode auf, versuchen diese jedoch
weiterzuentwickeln.
Die historisch-kritische Methode wurde über die
letzten zwei Jahrhunderte als eine Methode entwickelt, die hilft, die
"Absicht des Autors" des speziellen Abschnittes oder Buches der Bibel
zu erhellen. Eine Untersuchung des Kontextes, der Kultur und der
geschichtlichen Situation, in der sich der Autor befindet, hilft uns das zu
verstehen, was er oder sie den Menschen seiner oder ihrer Zeit sagen wollte.
Der selbe Text richtet sich an uns heute, um uns zu provozieren und
herauszufordern, uns zu ermutigen und zu trösten. Wie aber kann ein Text, der
vor Tausenden von Jahren in einer ganz anderen Zeit und Kultur geschrieben
wurde, uns heute noch irgendetwas Wesentliches sagen? Wir sind doch so weit von
jener Zeit, jenen Räumen und "Weltanschauungen" der Autoren und deren
Publikum entfernt.
Eine Möglichkeit, den Text zu betrachten, besteht
darin, ihn als Prozeß zu verstehen, in dem die "Horizonte" oder
Weltanschauungen "verschmelzen". (6) Indem wir die archäologischen
oder historischen Forschungsergebnisse untersuchen, die diesen Büchern zugrundeliegen,
können wir besser verstehen, wer der Autor oder die Autoren der Bibel waren,
und wie die Welt aussah, in der sie lebten. Durch diese Kenntnis und durch das
Studium ihrer Schriften betreten wir ihre Weltanschauung und erhalten einige
Eindrücke darüber, wie Gott in ihrem Leben und in der Geschichte des Volkes
damals gegenwärtig und wirksam war. Blicken wir dann auf die Welt unserer Tage,
werden wir Ähnlichkeiten erkennen, aber auch Unterschiede zu jener Welt des
biblischen Autors. Wir verschmelzen damit unsere Horizonte in einen größeren
Zusammenhang und versuchen uns vorzustellen, wie dieser Gott, der in der Zeit
des biblischen Autors gegenwärtig und wirksam war, seine Gegenwart und
Wirksamkeit in unseren Tagen fortsetzt.
Heredia zog auch einige Erkenntnisse von Paul Ricoeur
heran, betreffend dem "Mehrwert der Bedeutung" in klassischen
Texten.(7) Hat einmal ein Text die Schreibstube des Autors verlassen,
entwickelt dieser Text ein Eigenleben. Leser in späteren Zeiten und anderen
kulturellen Situationen treten an den Text mit unterschiedlichen Hintergründen
und verschiedenartigen Fragen heran. Der Text kann dadurch ganz neu zu ihnen
sprechen und neue Bedeutungen und Erkenntnisse hervorbringen. Solche
Bedeutungen und Erkenntnisse können über die ursprüngliche Absicht des Autors
oder das Verständnis seines oder ihres Publikums hinausgehen. Wenn wir deshalb
die Bibel heute lesen, sind wir fähig, Schlüsse zu ziehen und Entscheidungen zu
treffen, die treu zu unserer religiösen Tradition und loyal und gehorsam
gegenüber unserem Gott, aber genauso treu und mutig zu den Herausforderungen
und Krisen unserer Zeit stehen.
Das wesentliche Unterscheidungskriterium in diesem
befreiungstheologischen Ansatz besteht natürlich darin, worin für jemanden die
wahren entscheidenden und kritischen Fragen und Herausforderungen unserer Zeit
bestehen. Dabei geht es nicht nur um Fragen nach der persönlichen Umkehr und
Treue zu den christlichen Idealen. Sie betreffen genauso die Belange von
Gerechtigkeit und Frieden. Die ungerechten Strukturen in unserer Gesellschaft
im ökonomischen, politischen und sozialen Bereich setzen die Auswirkungen der
persönlichen Sünde fort. Zu oft unterstützen, ermutigen und fördern sie
Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Habgier und Ausbeutung. Unsere Berufung als
treue Christen erfordert, daß wir diese ungerechten Strukturen bekämpfen und
ihnen widerstehen.
III. Eine "Neue Hermeneutik" für die
Schriften des hl. Franz von Sales
Wollen wir Franz von Sales für unsere Zeit bedeutsam
machen, müssen wir seine Schriften neu lesen und neu interpretieren, indem wir
diesen modernen befreiungstheologisch-kritischen Ansatz der Bibelauslegung
übernehmen. Das bedeutet nicht, daß wir Franz von Sales in einen
Befreiungstheologen verwandeln sollen. Er war ein Mann seiner Zeit und er
antwortete auf die Fragen und Herausforderungen seiner Zeit mit Mut und
Einsicht. Seine Antworten auf diese Fragen und Herausforderungen waren so
gründlich und hervorragend, daß vieles, was von ihm in klarer und
unwiderstehlicher Weise auf den Punkt gebracht wurde, bis heute in der
christlichen Spiritualität maßgebend und zeitlos gültig ist. Franz war jedoch
sicherlich kein getarnter moderner Befreiungstheologe. Die Fragen und Probleme,
mit denen sich die Befreiungstheologen von heute herumschlagen, hatten damals
eben noch nicht jenes Gewicht an Bedeutung erreicht, das sie heute besitzen. Es
wäre daher schlichtweg falsch, Franz von Sales als Befreiungstheologen zu
präsentieren und seine Spiritualität als eine Spiritualität der "Befreiung"
im modernen Sinne des Wortes zu bezeichnen.
Trotzdem finden wir manche Gesichtspunkte in seinen
Gedanken und Schriften, die eine Neuinterpretation "aus Sicht der
Befreiung" zulassen, einen auch heute wirkungsvollen und glaubwürdigen
Ansatz für das christliche Leben bieten und zugleich dem Geist des hl. Franz
von Sales entsprechen und damit für uns bedeutsam sind.
Dieser Prozeß der Neuinterpretation des hl. Franz von
Sales schließt den Versuch mit ein, seinen Horizont mit dem unsrigen zu
verschmelzen, und jene Aspekte und Einsichten in seinen Schriften wahrzunehmen,
die für eine Interpretation und Entwicklung aus der Perspektive des sozialen
Bewußtseins und der Befreiung offen sind. Es ist ein Versuch, in ein Gespräch
einzutreten, in einen Dialog mit Franz von Sales. Er begann dieses Gespräch vor
ungefähr vierhundert Jahren. Heute nehmen wir den Faden dieses Gespräches
wieder auf und ermöglichen es ihm, mit uns zu kommunizieren. Genauso beschreibt
P. Heredia seinen Versuch, eine "Neue Hermeneutik" für das Neu-Lesen
und Neu-Interpretieren der Exerzitien des hl. Ignatius zu entwickeln:
"Darin besteht das Gespräch - er würde es
wahrscheinlich Kolloquium nennen -, das wir durch diese neue Hermeneutik mit
unserem Meister Ignatius in den geistlichen Exerzitien beginnen und
weiterführen wollen. Wir wollen seinen Kontext betreten und seine
Weltanschauung, so wie sie war, betrachten, während wir uns sehr genau der
Sorgen und Sehnsüchte, der Ängste und Hoffnungen bewußt sind, die unsere eigene
Situation und Welt ausmachen. Und indem wir seine geistlichen Exerzitien von
unserem Standpunkt aus anfragen, müssen wir dessen grundlegenden Wünschen und
Verpflichtungen, Werten und Meinungsäußerungen erlauben, uns in unserer
gegenwärtigen Situation und Berufung herauszufordern."(8)
Wir haben eine ähnliche Aufgabe als Nachfolger des
hl. Franz von Sales, nämlich das "neue salesianische Wort" in ein
neues Zeitalter und in eine neue Generation hineinzusprechen, im Lichte unserer
Verpflichtung, eine gerechtere und mehr Leben gebende menschliche Gesellschaft
zu errichten.
IV. Erstes Beispiel: Die "Sechste
Betrachtung" über das Gericht (Philothea, Teil 1, Kapitel 14)
Das 14. Kapitel des ersten Teiles der Philothea(9)
ist ein gutes Beispiel dafür, wie man in diesen "Dialog" oder dieses
Gespräch mit Franz von Sales eintreten kann, in dieses neue Lesen seiner
Schriften im Licht der Herausforderungen unserer Zeit und der Verpflichtungen,
eine Welt von Frieden und Gerechtigkeit aufzubauen. Das 14. Kapitel enthält
eine jener Betrachtungen, die Franz von Sales vorschlägt, um seine Philothea zu
einer festen Entscheidung und zu einem dauerhaften Entschluß zu begleiten, ein
"frommes Leben" zu führen. Diese Betrachtungen sind für die
salesianische Spiritualität grundlegend. Sie enthüllen uns die grundsätzlichen
Quellen, aus denen Franz von Sales schöpft, um die Beweggründe jener zu
stärken, die sich unter seine geistliche Begleitung stellten, damit sie eine
feste Verpflichtung eingehen, dem Herrn zu folgen.
Das 14. Kapitel trägt den Titel "Sechste
Betrachtung: Das Gericht". Darin beschreibt Franz eine Szene, über die
Philothea im Gebet nachdenken soll. Diese Szene basiert offensichtlich auf der
Beschreibung des jüngsten Gerichtes, wie wir sie aus dem 25. Kapitel des
Matthäusevangeliums kennen: "Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit
kommt", wird er die Völker "voneinander scheiden, wie der Hirt die
Schafe von den Böcken scheidet" (V. 31-32). Franz von Sales schreibt dazu:
"3. Betrachte, mit welcher Majestät der oberste
Richter erscheint, umgeben von allen Engeln und Heiligen, mit dem heller als
die Sonne strahlenden Kreuz, der Gnadenstandarte für die Guten, dem Zeichen der
Strenge für die Bösen.
4. Dieser oberste Richter wird durch einen
machtvollen Urteilsspruch, der sofort vollzogen wird, die Guten von den Bösen
scheiden, die einen zu seiner Rechten, die anderen zu seiner Linken. Diese
Trennung ist ewig, nie mehr werden die zwei Lager zusammenkommen."
Daß Franz von Sales hier die Stelle aus dem
Matthäusevangelium im Hinterkopf hat, wird aus den Worten über den
Urteilsspruch deutlich, der über die Bösen verhängt wird: "Weg von mir,
ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel
bestimmt ist" (Mt 25,41). In ähnlicher Weise paraphrasiert Franz von Sales
auch den Vers Mt 25,34 in der Einladung des Richters an die Gerechten:
"Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid (vom Vater gesegnet
sein bedeutet, allen Segen zu erhalten), nehmt das Reich in Besitz, das seit
der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist (die Krone allen Segens, denn
dieses Königreich wird kein Ende haben)."
Ein genauerer Blick auf den biblischen Text, den
Franz von Sales vor Augen hatte, gibt uns Gelegenheit, die Spiritualität des
hl. Franz von Sales, wie sie hier grundlegend für jene beschrieben ist, die
sich für ein "frommes Leben" entschieden haben, zu erweitern und zu
aktualisieren:
"Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr,
wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und
dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und
aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank
oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen
antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder
getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der
linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das
ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war
hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr
habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt
mich nicht aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben;
ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht ... Und sie
werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige
Leben" (Mt 25,37-43.46).
Bezeichnenderweise ist dieser Text auch eine zentrale
Stelle für die heutigen Befreiungstheologen. Dies meint jedenfalls Jeffrey S.
Siker, der eine Untersuchung darüber anstellte, in welcher Weise Gustavo Gutiérrez
die Bibel verwendet. Er schreibt:
"Im Neuen Testament, ja in der gesamten Heiligen
Schrift, ist für Gutiérrez die wichtigste Stelle eindeutig Mt 25,31-46, also
die berühmte Geschichte des Matthäus vom Gericht über die Schafe und Böcke.
Gutiérrez bezieht sich in seinen Schriften nicht weniger als 47mal auf diese
Stelle ... Es ist nicht überraschend, daß diese Stelle für Gutiérrez eine so
wichtige Rolle spielt, da diese ja den Dienst an den Armen und Unterdrückten
mit dem Dienst an Christus gleichstellt, und da ein solcher pastoraler Dienst
bzw. der Mangel daran das Entscheidungskriterium schlechthin für das
eschatalogische Gottesgericht über die Menschheit darstellt. Gutiérrez
verwendet diese Stelle außerdem dafür, um die Aufforderung Gottes an die Christen
zu betonen, sich vornehmlich und zuallererst in der Praxis zu engagieren, und
dieser Dienst zielt vor allem auf die 'Geringsten' in dieser Welt (Mt
25,40,45). Hier und auch bei anderen Stellen findet Gutiérrez den Grund für
'Gottes bevorzugte Option für die Armen'."(10)
Wir interpretieren die Verpflichtung der Philothea
zum "frommen Leben" in erster Linie in einem sehr individualistischen
Sinne, daß sich nämlich Franz von Sales hauptsächlich darum sorgt, wie der oder
die Einzelne sein oder ihr tägliches Leben gestalten möge. Mit unseren modernen
Gedankengängen scheint es, daß wir in der "Sechsten Betrachtung"
keinen Aufruf des hl. Franz von Sales erkennen können, jene Mächte in unserer
heutigen Welt zu bekämpfen, welche die Ursache für Armut, Hunger, Obdachlosigkeit
oder Ausbeutung sind, wie sie in der berühmten Szene vom "Gericht"
dargestellt wurden. Trotzdem gibt es eine Verpflichtung zum
"Gemeinwohl", die im "Person"-Verständnis des hl. Franz von
Sales verborgen liegt, für das wir heute eigentlich blind sind.
Heredia argumentiert, daß der moderne
"Person"-Begriff ein Produkt der Aufklärung ist und oft
überpsychologisiert wird. Der Begriff legt die Betonung auf den Einzelnen als
eine einheitliche und isolierte Größe, die auf das Selbst und das innere Leben
konzentriert ist, ohne Bezug zur Welt und den Personen um uns. Diese
psychologische Interpretation von Spiritualität "neigt zu leicht dazu, die
christliche Vision vom menschlichen Leben innerhalb der menschlichen Person auf
eine privat-individualistische Weise zu deuten. Heiligkeit wird auf personale
Vollendung reduziert, und persönliches Wachstum ist nicht möglich ohne 'mein
Wachsen, meine persönliche Entwicklung ...' Diese Zentrierung auf das eigene
"Selbst" kann mich von der Zentrierung auf den Dienst für die Anderen
nur ablenken. Und doch macht gerade dieser Dienst für die Anderen das Wesen der
christlichen Sendung aus."(11)
Diese isolierte, auf das Selbst zentrierte Definition
von Person und Spiritualität steht dem verwendeten Begriff von Person und
Spiritualität, wie er in der Welt des hl. Franz von Sales verstanden wurde,
diametral entgegen. Zur Zeit des hl. Franz von Sales wurde Person prinzipiell
mit Ausdrücken seiner oder ihrer Beziehung zu anderen definiert, also: Ehemann
und Ehefrau, Eltern und Kinder, Herr und Diener, Adeliger und Bauer, und so
weiter. Genau deshalb sollten wir bei den Ratschläge und Weisungen des hl.
Franz von Sales, die an den Einzelnen gerichtet sind, immer auch dieses
erweiterte Netz an Beziehungen mitbedenken. Heredia spricht beispielsweise von
der "im Text implizierten Gemeinschafts- und Dienstorientierung" der
Exerzitien des Ignatius. Er schreibt über Ignatius, daß "er in eine Welt
hineingeboren wurde, wo der Organismus der Gesellschaft zu ihrem Funktionieren
hierarchisch strukturiert war. Die Bilder, die zur Beschreibung der
Gesellschaft verwendet wurden, spiegeln daher ebenso diese organische Einheit
wider, in der das Individuum weithin in die Gruppe absorbiert wurde."(12)
Franz von Sales war Teil der selben Welt, und deshalb
sind die sozialen Verpflichtungen, die Sorge für die Nöte der Gemeinschaft mit
inbegriffen, wenn sich Franz von Sales an den Einzelnen wendet. Mit unserem
heute geänderten Verständnis von "Person" mißverstehen wir Franz von
Sales zu oft und übersehen diese soziale Verpflichtung, die in seinen Schriften
enthalten ist. Das bedeutet, daß wir heute herausgefordert sind, diese
Komponente der sozialen Verpflichtung aus den Schriften des hl. Franz von Sales
herauszulesen, neu zu interpretieren und zu entwickeln, die darin schon von
Beginn an enthalten ist. Unser modernes Verständnis von christlicher Berufung
schließt den Auftrag mit ein, die ungerechten Strukturen und Systeme im Bereich
von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu bekämpfen. Damit können wir mit
Franz von Sales in einen Dialog eintreten. Wir achten besonders auf die
Fingerzeige und Hinweise dieser sozialen Verpflichtungen, die in seinen
Schriften enthalten sind, und bauen sie für unseren Auftrag aus, heute eine
gerechte, friedvolle und mehr Leben gebende menschliche Gesellschaft zu
errichten.
Mit diesem Hintergrund kehren wir nun wieder zurück
zur "Sechsten Betrachtung" über das Gericht in der Philothea. Eine
moderne, auf soziale Gerechtigkeit hin orientierte Interpretation dieser
Betrachtung würden dann die Kommentare des hl. Franz von Sales erweitern,
ebenso seine Beschreibungen der Sünden, die sich "die Bösen" zu
schulden kommen haben lassen, also die "falschen und sündhaften
Blicke" und die Freude am Zuhören lasterhafter Reden.(13) Eine zeitgemäße,
erweiterte Beschreibung würde auch die soziale Sünde der Gleichgültigkeit
gegenüber den Unterdrückten miteinschließen, sowie die Unterlassungen im
Einsatz für gerechtere wirtschaftliche, soziale und politische Strukturen. Eine
solche Beschreibung würde auch die Sünden des Rassismus und Sexismus und die
Verschwendung und den Mißbrauch der Ressourcen und Reichtümer der Natur umfassen.
Eine solche Interpretation widerspricht nicht der Absicht des Autors, sondern
führt sie fort und entwickelt eine grundsätzliche Richtung, die im Text bereits
impliziert ist.
V. Zweites Beispiel: Über die Tugend der
"Sanftmut"
(Philothea, Teil 3, Kapitel 8)
Ein anderer Text, der für eine Neuinterpretation und
Entwicklung in Bezug auf die soziale Verpflichtung offen ist, die im
Verständnis des hl. Franz von Sales von der menschlichen Person impliziert ist,
steht im dritten Teil der Philothea, in Kapitel 8 über die
"Sanftmut".(14) Dieses Kapitel beinhaltet eine der schönsten und
bedenkenswertesten Abschnitte in den Schriften des hl. Franz von Sales. Es
diente als Quelle für viele "Leitsätze", für die er berühmt ist. Zum
Beispiel: "Die Demut macht uns vollkommen vor Gott, die Sanftmut dem
Nächsten gegenüber." Oder: "Man bemüht sich also besser, ohne Zorn
auszukommen, als selbst mäßigen und berechtigten Zorn zu dulden."
Dieses Streben nach Sanftmut war für Franz von Sales
offensichtlich wichtig, er erwähnt es oft und empfiehlt es all denen, die bei
ihm Rat und Begleitung suchten. Seine Zeitgenossen erzählen uns, daß er selbst
von Natur aus jähzornig und zornanfällig war. Deshalb begegnete er dieser
Neigung in ihm, indem er diese Tugend betonte, und das in einem solchen Maße,
daß er der berühmte "Heilige der Sanftmut" wurde.
Wir können jedoch den Horizont der individuellen
Person überschreiten, unter dem dieses Kapitel für gewöhnlich gelesen und
interpretiert wird. Schon eine geringe Kenntnis der Welt, in der Franz von
Sales lebte, bezeugt die weitverstreute Gewalt und Grausamkeit, die ihn umgab.
Neben häufigen Angriffen gegen Einzelne und der üblichen Anwendung der Folter
im Gefängnis und in der Gefangenschaft, waren die politischen Herrscher untereinander
in der Regel in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Religiöse
Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken führten zu Blutvergießen und
großem Leid. Der direkte Herrscher des hl. Franz von Sales, der Herzog von
Savoyen, hatte ständig ein neidisches Auge auf die abtrünnigen Calvinisten, die
Genf besetzt hielten. Die Angst vor Angriffen und Vergeltungsmaßnahmen durch
die calvinistischen Streitkräfte war ein ständiger Begleiter der Einwohner von
Annecy und Umgebung.
Auf diesem Hintergrund und im Blick auf die soziale
Verpflichtung, die im "Person"-Begriff des hl. Franz von Sales
impliziert ist, kann man sofort erkennen, daß es ein Fehler ist, dieses Kapitel
über die Sanftmut auf rein individualistische Weise zu interpretieren. Es gibt
hier einen klaren Spielraum, der die Lehre des hl. Franz von Sales über die
Sanftmut erweitert. Damit wird die Basis für ein aktiveres und zeitgemäßeres
Verständnis der salesianischen "Sanftmut" geschaffen. Man darf
Sanftmut nicht nur rein negativ als Abwesenheit von Zorn, Vergeltung und Gewalt
definieren. Eine zeitgemäße salesianische Spiritualität wird die positiven
Bedeutung betonen, die in der Lehre des hl. Franz von Sales über die Sanftmut
enthalten ist. Eine solche Lesart entdeckt in diesem Kapitel dann die Herausforderung
zum aktiven Engagement für und zur Verpflichtung zum Frieden, und den Aufruf,
sich dem Krieg, dem Militarismus und dem Gebrauch von Gewalt aller Art zu
widersetzen.
Zur Untermauerung dieser These genügt ein Blick auf
die berühmte Antrittsrede des hl. Franz von Sales, als er seinen Dienst als
Domprobst von Annecy begann. Annecy war damals voll von Gerüchten über einen
bevorstehenden Angriff gegen Genf durch die Streitkräfte des Herzogs von
Savoyen, um die Stadt und ihre Bevölkerung zum Katholischen Glauben
zurückzuführen. Franz von Sales ruft in dieser Rede ebenso zu einer
"Eroberung" von Genf auf, aber nicht durch einen bewaffneten Angriff,
sondern mit Hilfe eines Sieges, der durch Liebe errungen wurde:
"Ich schlage euch nicht Eisen noch Pulver vor;
ich will kein Heerlager von Haudegen ohne Glauben und Frömmigkeit aufrichten
... Durch die Waffen der Liebe müssen wir die Mauern Genfs zum Einsturz
bringen, durch die Bresche der Liebe in diese Stadt eindringen und sie
zurückerobern."(15)
Das Paradoxe dieser militärischen Metapher, eine
"Eroberung" ohne Waffengewalt, enthüllt deutlich die beißende Ironie
in dieser Antrittsrede. In seiner eigenen "sanften" und indirekten
Weise bringt es Franz von Sales zustande, den Gebrauch von Waffen zurückzuweisen
und den Stolz und die Arroganz jener bloßzustellen, die auf die Waffen des
Krieges vertrauen, um ihre Ziele zu erreichen. Er liefert uns dadurch in seinem
Leben und in seinen Schriften ein Muster an "Sanftmut", wie wir die
entscheidenden Fragen von heute angehen können, wie etwa die Fragen nach
Gewalt, Krieg, Militarismus und der Produktion und dem Gebrauch von
Massenvernichtungswaffen.
VI. Zusammenfassung
Diese beiden Beispiele verdeutlichen die Verwendung
einer hermeneutischen Strategie zu einer befreiungstheologischen Interpretation
der Schriften des hl. Franz von Sales. Wie wir oben bereits hinwiesen, bedeutet
das nicht den Versuch, Franz von Sales in einen Befreiungstheologen zu
verwandeln. Er antwortete auf die pastoralen Nöte und Herausforderungen seiner
Zeit und hinterließ einen Berg von Schriften, die unzählige Tausende von Seelen
in ihrer Suche nach Gott und ihren Versuchen, ein Leben getreu den Idealen des
Evangeliums zu leben, leiteten und nährten.
Die Betonung liegt bei Franz von Sales eindeutig auf
dem Einzelnen und auf seinem oder ihrem täglichen Kampf, ein "frommes
Leben" zu führen. Nichtsdestotrotz sind die Herausforderungen von heute
andere und brauchen neue Methoden und Ansätze. In den Texten des hl. Franz von
Sales gibt es Themen und Motive, die, wie wir gezeigt haben, offen sind für
eine Neuinterpretation und eine Weiterentwicklung. Sie eröffnen die Möglichkeit
einer erneuerten und zeitgemäßen salesianischen Spiritualität, die uns in der
Begegnung mit den Herausforderungen unserer Zeit leiten und nähren kann, die
Herausforderung schlechthin, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf
wirtschaftlichem, politischem und sozialem Gebiet, die Herausforderung eine
gerechtere und mehr Leben gebende menschliche Gesellschaft aufzubauen.
ANMERKUNGEN
1) Dieser Beitrag erschien im englischen Original in
der Zeitschrift Vidyajyoti. Journal of Theological
Reflection, Volume 63, No. 1, January 1999, Seite 37-46. Der Autor lehrt seit 1991
Altes Testament am St. Peter's Pontifical Institute, Malleswaram West P.O.,
Bangalore 560055, Indien. In diesem Artikel beschreibt er den Weg zu einer
Hermeneutik der Schriften des hl. Franz von Sales (Fest: 24. Januar) durch ein
Neu-Lesen seiner Schriften aus unserer kulturellen Perspektive, jedoch genauso unter
Berücksichtigung der kulturellen Voraussetzungen der Zeit des hl. Franz von
Sales. Durch die Verknüpfung beider Horizonte wird eine neue Bedeutung
offengelegt, konkret die soziale Bedeutung, die in den Schriften des Heiligen
der Sanftmut enthalten ist.
2) Franz von Sales, Anleitung zum frommen Leben.
Philothea, Deutsche Ausgabe der Werke des hl. Franz von Sales, Band 1, hg. v.
den Oblaten des hl. Franz von Sales unter Leitung von P. Dr. Franz Reisinger
OSFS (Eichstätt: Franz Sales Verlag, 1959). Abkürzung:
DASal 1.
3) George
Soares-Prabhu SJ, The Kingdom of God, Jesus' Vision of a New Society
(Bangalore: National Biblical, Catechetical and Liturgical Centre, 1981) S. 29.
Zitiert nach Mathew Areeparambil SJ, A Reinterpretation for Our Times of the Two
Standards in the Spiritual Exercises," Vidyajyoti Journal of Theological
Reflection 62 (1998) S. 464.
4) Rudolph
C. Heredia SJ, The Need of a New Hermeneutic for the Spiritual Exercises of St.
Ignatius of Loyola, in: The Dharma of Jesus: Interdisciplinary Essays in Memory
of George Soares-Prabhu SJ (Edited by Francis X. D'Sa SJ; Pune: Institute for
the Study of Religion; Anand: Gujarat Sahitya Prakash, 1997) S. 292, zitiert
nach M.J. O'Sullivan, Towards a Social Hermeneutic of the Spiritual Exercises:
An Application to the Annotations, in The Spiritual Exercises of St. Ignatius
Loyola: Present-Day Applications (Rome: Centrum Ignatianum Spiritualitatis,
1982) S. 41.
5) Heredia,
The Need of a New Hermeneutic, S. 289.
6) Ebd.
7) Ebd. S. 290. Siehe
auch: Paul Ricoeur, Interpretation Theory: Discourse and the Surplus of Meaning
(Fort Worth, Texas: Texas Christian University Press, 1976).
8) Heredia,
The Need of a New Hermeneutic, S. 291.
9) DASal
1, S. 53f.
10) Jeffrey
S. Siker, "Use of the Bible in the Theology of Gustavo Gutiérrez:
Liberating Scriptures of the Poor," Bliblical Interpretation: A Journal of
Contemporary Approaches 4 (1996), S. 45f.
11) Heredia,
The Need of a New Hermeneutic, S. 292f.
12) Ebd. S. 296
13) Vgl. DASal 1, S. 54
14) "Sanftmut - Mittel gegen den
Zorn", wie der genaue Titel dieses Kapitels in der deutschen Ausgabe der
Philothea lautet: Vgl. DaSal 1, S. 129
15) Etienne-Jean
Lajeunie OP., Franz von Sales. Leben - Lehre - Werk (Eichstätt: Franz Sales Verlag, 2. Auflage, 1980)
S. 99