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5.
März 1604
Johanna Franziska von Chantal und
Franz von Sales begegnen einander
zum ersten Mal
Die
erste Begegnung zwischen der hl. Johanna Franziska von Chantal und dem hl.
Franz von Sales fand am 5. März 1604 in der Kapelle Sainte-Chapelle in
Dijon statt. Die Fastenzeit hat begonnen und nach alter Kirchentradition
wird in Dijon, der Geburtstadt Johannas, zur wöchentlichen Fastenpredigt
eingeladen. Das ist ein kleiner Gottesdienst, der fast ausschließlich aus
einer ausführlichen Predigt besteht, zu der außergewöhnliche kirchliche
Persönlichkeiten eingeladen werden. In diesem Jahr 1604 war der
Nachbarbischof angekündigt, Franz von Sales, Fürstbischof von Genf, mit
Sitz in Annecy, da Genf von den Calvinern beherrscht wurde, die einen
katholischen Bischof nicht in ihre Stadt lassen wollten.
Dieser
Franz von Sales war wirklich nicht irgendein Bischof. Sein Ruf eilte ihm
voraus, da er es war, der wagemutig und unter Todesgefahr in den Chablais
ging, ein von den Calvinern besetztes Gebiet seiner Diözese, und dort zunächst
sehr mühsam, dann aber mit stetig wachsendem Erfolg die Menschen für
den katholischen Glauben zurückgewann. Der Schlüssel seines Erfolges lag
darin, dass er die Menschen nicht einfach mit Gewalt dazu zwang,
katholisch zu werden, sondern mit Freundlichkeit, Liebe, Sanftmut, aber
auch mit großem theologischen Wissen und einer besonderen Redegewandtheit.
Einige Male gab es Attentate auf ihn, einige Male fand er im kalten,
strengen Winter in den Bergtälern der Alpen fast den Tod, aber er gab
nicht auf. Und schließlich schaffte er es, dass sich eine wichtige
calvinische Persönlichkeit bekehrte. Damit war das Eis gebrochen.
Scharenweise konnte Franz von Sales die Menschen zum katholischen Glauben
zurückführen. Nach vier Jahren hieß es dann, dass in diesem Gebiet des
Chablais, in dem einmal kaum noch Katholiken zu finden waren, jetzt kaum
mehr Calviner anzutreffen seien. Der Herzog von Savoyen nannte ihn dann
sogar den „Apostel des Chablais“ und genau als solcher wurde er als
Prediger nach Dijon, der Hauptstadt von Burgund eingeladen.

Franz von Sales betrat
also an diesem 5. März 1604 nichts ahnend die Kanzel, um seine erste
Fastenpredigt zu halten. Als er zu den Menschen blickte, die in die Kirche
kamen, fiel ihm sofort eine Frau in den ersten Bankreihen auf, nicht nur,
weil sie als Witwe gekleidet war, sondern weil er sie schon einmal gesehen
hatte.
In
einer Vision
sah er, wie durch seine Stadt Annecy drei Frauen durch die Straßen
gingen, Kranke pflegten und Armen halfen. Und die Frau an der Spitze
dieser Gruppe sah genauso aus wie jene, die nun vor ihm saß und seiner
Predigt lauschte.
Gleich nach dem Gottesdienst ging Franz von Sales zum Erzbischof von
Bourges, André Frémyot. Dieser war es, der Franz von Sales als
Fastenprediger eingeladen hatte. Franz frage ihn, ob er diese Frau kenne,
und der Erzbischof lächelte. Selbstverständlich kenne er sie und auch
Franz von Sales werde sie in Kürze kennen lernen. Diese Frau sei nämlich
seine Schwester Johanna-Franziska Frémyot, Baronin von Chantal, und sie werde
zum Empfang kommen, zu dem er anlässlich der Fastenpredigten eingeladen
habe.

Als
sich die beiden zum ersten Mal direkt gegenüber standen, konnte man
bei beiden eine gewisse Unsicherheit spüren. Franz von Sales, sonst sehr
höflich und galant, unterlief sogar ein kleiner Ausrutscher. Als sich
Johanna vorstellte und meinte, sie sei die Witwe des Barons
Christoph-Raputin von Chantal, fragte Franz von Sales völlig unpassend,
ob sie denn vorhabe wieder zu heiraten. Als Johanna darauf meinte, sie habe
nicht mehr vor, eine Ehe einzugehen, antwortete Franz: „Ja, aber warum
haben Sie dann Schmuck angelegt, so als präsentierten Sie sich den Männern
wie in einer Auslage?“
Johanna Franziska von Chantal muss das trotz aller höfischen Redensart
ziemlich getroffen haben, aber nicht dass sie beleidigt gewesen wäre, im
Gegenteil: sie erkennt, dass Franz von Sales durchaus Recht hat und
beschließt ab nun, keinen Schmuck mehr zu tragen und sich auch nur sehr
einfach zu kleiden, was sie tatsächlich praktizierte.

Johanna
war vom ersten Augenblick an von Franz von Sales gefesselt, denn auch
sie hatte kurz zuvor eine Vision. Sie ritt auf ihrem Schloss Monthelon aus und sah plötzlich
in der Ferne einen Mann an einer Mühle stehen. Dabei festigte sich in ihr
die Überzeugung, dass
dieser Mann ihr in ihren Sorgen und Nöten beistehen werde, die sie als Witwe, Mutter von
vier Kindern, die von ihrem Schwiegervater und deren Mätresse schikaniert
wird, erdulden muss. Dieser Mann sah aus wie Franz von
Sales. Sie bat daher den Bischof von Genf um eine persönliche Aussprache.
Darin schilderte sie ihm Ihre Not. Seit dem Tod ihres Mannes leide sie
an Depressionen, ihr Leben hat völlig an Sinn verloren, sie wisse oft
nicht, wie sie als alleinstehende Frau und Mutter mit all den Problemen
fertig werden solle. Ihr Schwiegervater droht ihr, sie und ihre Kinder zu
enterben, wenn sie nicht tut, was er ihr befiehlt. Eine bessere Küchenmagd,
die Mätresse des Schwiegervaters, nützt diese Situation leidlich aus und
behandelt sie oft schlimmer als irgendeine dahergelaufene Kammerzofe. Und
das Schlimmste: Seit einige Zeit hat sie sich unter die Seelenführung
eines Geistlichen gestellt, der große Opfer von ihr verlangt, Bußwerke,
Gebete. Er hat Ihr den absoluten Gehorsam abverlangt. Sie müsse genau das
tun, was dieser Priester sagt, dürfe aber keinen anderen Priester zu Rate
ziehen. Mit diesem Gespräch, dass Sie jetzt gerade führe, hintergehe Sie also
diesen Seelenführer.
Franz
von Sales hat sich Johannas Geschichte genau angehört. Johanna tat es
gut, einmal jemanden vor sich zu haben, der ihr einfach nur zuhörte und
nicht gleich mit irgendwelchen guten Ratschlägen daherkam. Franz
von Sales hörte zu und Johanna redete sich ihre Sorgen von der Seele.
Schließlich sagte Franz von Sales: „Die Skrupel, dass sie ungehorsam
gegenüber ihrem Seelenführer gewesen sind, kann ich ihnen sogleich
nehmen. Hier haben Sie nichts falsch gemacht. Reden Sie nur, wenn
es Ihnen gut tut und wenn Sie meinen, dass ich Ihnen in meiner
bescheidenen Art dienen kann.“

Johanna
verspürt sogleich den Wunsch, Franz von Sales möge ihr für immer
beistehen, so gut taten ihr seine Worte. Endlich jemand, der Verständnis
für mich hat und mich nicht gleich als irgendeine hysterische Frau
betrachtet, die eben über den tödlichen Jagdunfall ihres Mannes noch nicht
hinweggekommen ist, der man nur ordentlich die Sporen geben muss, damit
sie wieder auf die richtigen Gedanken kommt und sich nicht ständig um
ihre eigenen Problemchen dreht.
Franz von Sales erging es ähnlich. Auch er fühlte sich zu dieser Witwe
hingezogen. Aber genau das ließ
ihn zögern. Was soll er tun? Wie soll er Johanna antworten. Soll er
sich bereit erklären, sie als neuer Seelenführer zu leiten? Soll er es
wirklich tun, kann er es überhaupt, wo er doch Bischof einer so
schwierigen Diözese ist? Kann er das verantworten, vor den Menschen
seiner Diözese, vor Gott, vor sich selbst?
Franz von Sales tat, was er in
solchen Situationen immer machte, in denen er sich einfach nicht klar war, welche
Entscheidung die richtige ist. Er vertraut sich ganz Gott an und bat um
eine Bedenkzeit.
Johanna
Franziska von Chantal und Franz von Sales trennten sich genau an diesem
Punkt: Wir überlassen
es der göttlichen Vorsehung. Wenn er will, dass ich Ihr Seelenführer
werde, dann wird es auch geschehen. Wenn er es nicht will, dann wollen wir
uns nicht gegen seinen Willen stellen ...
Beide reisten also am Ende der Fastenzeit wieder in ihre Heimat zurück. Johanna nach Monthelon
aufs Schloss zum bösen Schwiegervater, der tyrannischen Küchenmagd, den
vielen Sorgen und dem überstrengen Seelenführer, und Franz von Sales nach Annecy
und zu den vielen politischen und kirchlichen Sorgen seiner Diözese. Tief
in ihren Herzen aber wussten beide bereits, dass Gott ihre Wege nicht zufällig
gekreuzt hat. Und Franz von Sales schreibt auch in seinem ersten Brief an
Johanna Franziska von Chantal, dem noch Hunderte folgen sollten: „Mir scheint immer sicherer zu sein, dass
Gott mich ihnen gegeben hat.“

Die
Briefe des Jahres 1604: Die ersten Briefe, die Franz von Sales an
Johanna Franziska von Chantal schrieb. Der Beginn eines einzigartigen
Briefwechsels (öffnen des Briefes in
Originallänge durch Anklicken des Datums)
>26.
April 1604: Gott hat mich Ihnen gegeben
>3.
Mai 1604: Je weiter ich äußerlich von Ihnen entfernt
bin, desto mehr fühle ich mich innerlich mit Ihnen verbunden
>14.
Juni 1604: Die Länge dieses Briefes zeigt Ihnen, wie
gerne meine Seele mit der Ihren spricht
>24.
Juni 1604: Ich spüre in mir den starken und
entschiedenen Willen, Ihrer Seele mit allen meinen Kräften zu dienen.
>14.
Oktober 1604: ALLES AUS LIEBE, NICHTS AUS ZWANG
>1.
November 1604: Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen
geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit
>21.
November 1604: Mein Herz muss sich dem Ihren weit öffnen

25.
August 1604: Franz von Sales entscheidet sich endgültig, die
geistliche Begleitung von Johanna Franziska von Chantal zu übernehmen.
21.-27.
Mai 1605: Johanna Franziska von Chantal verbringt die Tage
zusammen mit Franz von Sales auf Schloss Sales in der Nähe von Annecy.
4.
Juni 1607: Johanna Franziska ist erneut in Annecy. An diesem
Tag teilt ihr Franz von Sales mit, dass er zusammen mit ihr eine
Ordensgemeinschaft gründen möchte. Johanna erklärt sich dazu bereit.
März/April
1609: Dritte Reise von Johanna Franziska von Chantal nach
Annecy. Die Pläne für die Gründung der Heimsuchung werden konkreter.
14.
Oktober 1609: Gespräch zwischen Franz von Sales, Johanna
Franziska von Chantal, Erzbischof André Frémyot (Bruder Johanna
Franziskas) und
Benigne Frémyot (Vater von Johanna Franziska) über die Gründung der Heimsuchung.
Der Vater und der Bruder geben Johanna Franziska ihr Einverständnis dazu.
6.
Juni 1610: Johanna Franziska von Chantal und Franz von Sales gründen
den Orden der Heimsuchung Mariens in Annecy.
Mai
1616: Franz von Sales begleitet Johanna Franziska von Chantal
durch ihre Exerzitien. Das Thema dieser Exerzitien ist die Loslösung von allem, auch von Franz von
Sales, um nur noch für Gott dazusein.
23.
April 1618: In einem Dekret aus Rom werden die Ordensregeln in
ihrer endgültigen Fassung und damit der Orden der Heimsuchung Mariens päpstlich
anerkannt.
12.
Dezember 1622: Letztes Gespräch zwischen Johanna Franziska von
Chantal und Franz von Sales vor dem Tod des hl. Franz von Sales am 28.
Dezember 1622 im Heimsuchungskloster in Lyon. Johanna wollte eigentlich
über persönliche Dinge reden. Franz von Sales vertröstete sie auf
später, jetzt sei es wichtiger, über Belange ihrer Ordensgemeinschaft zu sprechen.
5.
Januar 1623: Johanna Franziska von Chantal erfährt vom Tod des
Franz von Sales und veranlasst umgehend die Überführung seines
Leichnams nach Annecy.
Ende
Januar 1623: Johanna Franziska von Chantal verbringt eine
Stunde alleine vor dem in der Bischofskirche von Annecy aufgebahrten
Leichnam des Franz von Sales und holt ihr persönliches Gespräch nach,
das sie eigentlich vor einigen Wochen schon führen wollte. Der Leichnam
des hl. Franz von Sales wird am 30. Januar im Kloster der Heimsuchung
in Annecy beigesetzt.
1623:
Johanna Franziska von Chantal verbrennt fast alle ihre Briefe, die sie an
Franz von Sales geschrieben und in dessen Nachlass wohlgeordnet
wiedergefunden hat. Die Briefe, die Franz von Sales an sie geschrieben
hatte, sind jedoch bis heute erhalten (Franz
Sales Verlag).
4.
August 1632: Wegen des Seligsprechungsprozesses wird der Sarg
des Franz von Sales noch einmal geöffnet. Der Leichnam ist unverwest.
Johanna Franziska von Chantal lässt sich eine Hand des Franz von Sales auf
ihr Haupt legen, um seinen Segen zu empfangen.
13.
Dezember 1641: Johanna Franziska von Chantal stirbt im
Heimsuchungskloster in Moulins. Zur gleichen Zeit hat der hl. Vinzenz von
Paul die Vision, wie sich eine Feuerkugel von der Erde in den Himmel erhebt und dort von einer zweiten Feuerkugel in Empfang genommen
wurde, die dann gemeinsam in eine große Feuerkugel eingehen.
P. Herbert
Winklehner OSFS

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