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  Internationale Kommission 
für salesianische Studien

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Hl. Leonie (Franziska Salesia) Aviat -
(1844-1914)
Gründerin der Oblatinnen des hl. Franz von Sales

Gedenktag: 10. Januar

Leonie Aviat im Alter von 20 Jahren1864 in einer Brillenfabrik in der französischen Kleinstadt Sézanne. Eine junge Frau, Leonie Aviat, steht vorne am Ladentisch. „Bitte, ich möchte die Brille für meine Mutter abholen“ erklärt sie der Dame hinter der Theke. Die geht nach hinten zu den Arbeiterinnen und holt das gewünschte Stück. Leonie dankt und begibt sich auf den Weg nach Hause.
Ein anscheinend alltägliches Ereignis in einer französischen Kleinstadt während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Fabriken waren auch hier in Frankreich aus dem Boden heraus geschossen – jetzt im Zeitalter der Industrialisierung. Viele Menschen waren vom Land in die Städte übersiedelt, um dort Arbeit zu finden. Sie lebten jetzt fern der Heimat, allein und unbehaust, sodass sie vielen Gefahren ausgeliefert waren. Sie wohnten oft genug in schäbigen Unterkünften und drohten auch auf die schiefe Bahn zu geraten.
Leonie Aviat waren diese Gefahren sehr wohl bewusst. Und mehr noch: Seit jenem Besuch der Brillenfabrik spürte sie eine innere Berufung hier zu helfen. Es wurde der Beginn eines Lebensweges, der in die Gründung einer Ordensgemeinschaft hinein führte: den Oblatinnen des hl. Franz von Sales.

Mutter Aviat (Gemälde von Michael Fuchs, 1985)Liebevolle Erziehung

Mit der Spiritualität dieses Heiligen war Leonie schon seit Kindesbeinen vertraut. Als sie elf Jahre alt war, brachten sie ihre Eltern zur Schule der vom heiligen Franz von Sales gegründeten Heimsuchungsschwestern nach Troyes. Sie wussten sie dort in guten Händen, immerhin war die Mutter schon hier gewesen. Besonders die Oberin von Troyes galt als Persönlichkeit, der man gern die eigenen Kinder anvertraute: Schwester Maria-Salesia Chappuis, die sie alle nur die „Gute Mutter“ nannten.
Als Therese Chappuis ist sie 1793 in Soyhières, unweit von Delemont, im Schweizer Jura geboren. In Fribourg ist sie in den Orden der Heimsuchung Mariens eingetreten. Seit 1826 war sie in Troyes als Oberin im Kloster und wirkte als Erzieherin im Pensionat, wo sie für viele Eltern als Geheimtipp für eine gute Pädagogik galt. Es verwundert darum nicht, dass auch Leonie bald einen sehr herzlichen Kontakt zur „Guten Mutter“ hatte. 
Genauso schätzte die junge Schülerin den Lehrer und Priester Alois Brisson, der hier Naturwissenschaften, Literatur und selbstverständlich auch Religion unterrichtete. Auch er hatte durch Mutter Chappuis Geschmack an Franz von Sales bekommen.
Für Leonie waren diese beiden Begegnungen schicksalhaft. Ihr ganzes Leben lang sollten Mutter Maria-Salesia und Abbé Brisson ihr wichtige Begleiter sein. 
Zu Brisson begab sich dann auch nach jenem Berufungserlebnis in der Brillenfabrik. Sie war jetzt zwanzig Jahre alt und vor vier Jahren hatte sie das Pensionat von Troyes verlassen. In den letzten Jahren hatte sie immer wieder mit einem Ordensleben geliebäugelt. Da gab es zwar auch einen Verehrer, der sie gern in den Hafen der Ehe gebracht hätte – doch alsbald stellte sich heraus, dass er nur an ihrer Mitgift interessiert war. Als Vater Aviat Geldschwierigkeiten bekam, machte sich der ehrenwerte Bräutigam aus dem Staub. Leonie wertete das damals als Zeichen der Vorsehung.
Ihre Berufung, den Arbeiterinnen in den Städten ein neues Zuhause zu geben, erzählte sie Alois Brisson. Und der war überglücklich. Immerhin hatte er sich doch um die Entstehung eines Werkes bemüht, das den Arbeiterinnen in Troyes helfen sollte nicht auf die schiefe Bahn zu kommen. Und jetzt brauchte er dringend Unterstützung. Die Leiterinnen, mit denen er bislang zu tun hatte, vermochten der schweren Aufgabe nicht Herr zu werden. Die letzte hatte er entlassen müssen, weil sie die jungen Arbeiterinnen statt vor Gefahren zu bewahren mit Nikotin zum Schnupfen versorgt hatte. Und Mademoiselle Legros, die zurzeit das Haus führte, war zwar herzensgut, aber hatte keinerlei Führungsqualitäten.
Aufgrund der schlechten Erfahrungen mit seinen Mitarbeiterinnen entschied sich Brisson dafür, die Leitung seiner karitativen Einrichtung Ordensfrauen anzuvertrauen, die diese Unterstützung der Arbeiterinnen als ihr ureigenes Apostolat begriffen. Denn der Priester war überzeugt, dass Menschen, die sich von Gott zu genau diesem Tun berufen fühlen, sowohl für einen Geist der Liebe und wie auch für eine angemessene Ordnung sorgen würden.
Und genau darum erschien ihm die junge Leonie Aviat, die sich ja in dieser Form ganz und gar in den Dienst Gottes stellen wollte, als die ideale Mitarbeiterin. 
Beide wurden sich deshalb schnell einig und am 11. April 1866 trifft die 21jährige in Troyes ein, um ihre Arbeit in der Heimstätte „Les terasses“ zu beginnen. Doch sie kommt nicht allein. Lucie Canuet, eine ehemalige Mitschülerin, wird gemeinsam mit ihr die Leitung des Hauses übernehmen – ein Wunsch von Brisson, der Leonie Aviat manches Kopfzerbrechen bereitete. Denn Lucie, in ihrer Art rechthaberisch und kleinlich, war alles andere als eine angenehme Mitschülerin gewesen. Doch Brisson bestand auf dieses Team und Leonie fügte sich.
Diese Art zu gehorchen sollte sie lebenslang begleiten. Unzählige Male wurde Leonie Aviat gedemütigt, nicht zuletzt auch von Lucie Canuet. Doch Leonie zerbrach nicht daran, im Gegenteil: Sie wurde reifer, wuchs durch diese Erfahrungen in der Freundschaft zu Gott. „Jesus lieben – nicht mehr und nicht weniger“, wurde im Lauf der Zeit die Devise ihres Lebens.
Freilich war auch Mutter Chappuis  mit dem Werk von Abbe Brisson sehr verbunden und unterstützte die jungen Leiterinnen nach Kräften. Immer wieder ermutigte sie jetzt Leonie ihren Weg in ein Ordensleben einzuschlagen und stand ihr wie auch Lucie Canuet gern mit Rat und Tat zur Seite. Zu Beginn ihrer Arbeit in Troyes drückte die „Gute Mutter“ den beiden Kandidatinnen denn auch das grundlegende Werk für das Gemeinschaftsleben in der Heimsuchung in die Hände: das „Directorium spirituale“ des Franz von Sales. Dieses Werk umfasst Regeln des Zusammenlebens im salesianischen Geist. Und es macht deutlich, wie wichtig für den Ordensstifter die ständige Beziehung zu Jesus Christus ist. Diese Ausrichtung – so lehrte es Franz von Sales in seinen Werken und lebte es auch immer wieder vor – ist es, die alle Krisen ertragen in Freundlichkeit und Gelassenheit ertragen lässt – ohne den anderen oder sich selbst zu hassen. Denn wie können wir uns selbst verachten, wenn wir doch wissen, dass Gott auf uns in Liebe schaut?
Leonie Aviat hat dies gut verstanden. Gerade darum wurde sie schon bald für viele zum Vorbild. Sie ist als Leiterin der Arbeiterinnen nicht in einen falschen Stolz verfallen, war mehr Mitarbeiterin im Haus als Direktorin. Und dennoch hatte sie Autorität und bekam Unruhen rasch in den Griff.

Franziska Salesia Aviat 1912, zwei Jahre vor ihrem TodJunge Ordensfrau mit großer Verantwortung

Zwei Jahre, nachdem sie ihren Dienst als Leiterin aufgenommen hatte, war es dann soweit: Am 30. Oktober 1868 konnten Leonie Aviat und Lucie Canuet ihr Noviziat in der „Kongregation der Schwestern Oblatinnen des hl. Franz von Sales“ beginnen. Franz von Sales war also der Patron, und der Name zeigt schon, dass spezifisch salesianische Elemente – also die frohe Gottesliebe, die Bereitschaft gerne zu dienen und der liebevolle Umgang mit den Anvertrauten – eine wesentliche Rolle in dieser Gemeinschaft spielen sollten. Ebenso verwundert es auch nicht, dass Leonie Aviat, die gerade hier ihre Stärken hatte, auch gleich den Namen des Patrons erhielt. Fortan nannte sie sich Schwester Franziska Salesia. Lucie Canuet hieß künftig Jeanne Marie, in Anlehnung an den bürgerlichen Namen von Papst Pius IX., der sich sehr für die Gründung der Gemeinschaft eingesetzt hatte.
Der Orden hat jetzt nicht nur seine ersten Novizinnen, es gibt auch weitere Frauen, die sich ihm anschließen. Schon bei der Noviziatseröffnung waren einige Postulantinnen mit dabei.  Das Werk wächst also zusehends. Schwester Franziska-Salesia selbst freilich fiebert bald nach Noviziatsbeginn bereits ihrer Profess entgegen – der Entscheidung ganz und gar dem Orden zuzugehören. Doch dann ziehen dunkle Wolken auf: Am 19. Juli 1870 erklärt Preußen Frankreich den Krieg. Eine bedrohliche Situation, gerade auch für die Zivilbevölkerung. Schwester Aviat ist in großer Sorge um die jungen Mädchen, die ihr anvertraut sind – es gibt keine Arbeit mehr. In ihrer Not bietet sie dem französischen Militär an Uniformen zu fabrizieren. Sie bekommt den Auftrag für ihre hungernden Arbeiterinnen und kann so das Schlimmste verhindern.
1871 ist der Krieg zu Ende und endlich kann Franziska-Salesia am 11. Oktober ihre Gelübde ablegen. Rund ein Jahr später findet das erste Generalkapitel der jungen Ordensgemeinschaft statt. Schwester Aviat wird am 20. September 1872 zur Generaloberin ernannt – einstimmig.
Neben der Organisation ihres eigenen Ordens wird sie mit einer weiteren schwierigen Aufgabe betraut: 14 Lorettoschwestern aus Paris sollen sich den Oblatinnen anschließen und Franziska-Salesia muss sie in die Gemeinschaft einführen. Mit Bravour gelingt es ihr Vertrauen zu den Frauen aufzubauen, die auf viel mehr Ordenserfahrung als sie selbst zurückblicken können.

Hl. Franziska Salesia AviatSchwere Zeiten der Reifung

Als am 8. Oktober 1879 erneut die Wahl zur Generaloberin ansteht, da wird die ehemalige Oberin der Lorettoschwestern Schwester Claire de Jesus Tapin gewählt. Schwester Aviat hat diese Wahl ausdrücklich unterstützt, will sie selbst doch mehr Zeit für die verschiedenen Werke, also die Arbeiterinnenhäuser des Ordens, haben.
Doch Schwester Claire de Jesus macht es ihrer Vorgängerin nicht leicht. Gleich nach ihrer Ankunft nimmt sie im Speisesaal den Platz der ehemaligen Oberin ein und verweist diese auf einen Stuhl weit weg von ihr. Aber auch diesen offensichtlichen Affront nimmt Franziska-Salesia Aviat hin, ohne Protest einzulegen. Mutter Claire ist nun einmal die Oberin und hat deshalb auch das Recht etwas zu verfügen. 
Trotz alledem wird Leonie Aviat auf Empfehlung von Alois Brisson, der inzwischen selbst Oberer der neu gegründeten Gemeinschaft der Oblaten des hl. Franz von Sales geworden ist, das Haus „Les terasses“ verlassen und in das Werk in der Pfarrei St. Nicolas ziehen. Hier wohnen junge Mädchen, die als Taglöhnerinnen in Privathaushalten arbeiten. Morgens verlassen sie früh das Haus, spät am Abend kommen sie heim und freuen sich, dass Mutter Franziska auf sie wartet.
Rund ein Jahr ist sie hier und dann bekommt sie Besuch von Pater Brisson. Der eröffnet ihr zuerst, dass Mutter Claire als Generaloberin das Handtuch geworfen hat, weil sie der Aufgabe nicht gewachsen war. Außerdem bittet er Schwester Franziska in ein Internat der Oblatinnen nach Paris zu gehen, um dort die finanziellen Probleme zu lösen. 
Als sie in der Hauptstadt eintrifft, erwartet man sie zunächst mit Skepsis. Man befürchtet in ihr eine Kontrolleurin, die Druck macht. Doch nichts von alledem geschieht. Mit viel Verständnis geht Mutter Aviat die Probleme an – und bekommt sie in den Griff. Die Finanzen sind bald saniert. Obendrein haben die Oblatinnen eine liebevolle Mitschwester und die Schülerinnen eine hochtalentierte Erzieherin bekommen. Schwester Franziska macht keinen Druck, sondern motiviert und vermag den alten Grundsatz des heiligen Franz von Sales an der Schule konkret zu machen: „Alles aus Liebe und nichts aus Zwang.“
Sie fühlt sich sehr wohl in Paris, doch sind auch hier ihre Tage gezählt. Am 15. September 1884 wird Schwester Jeanne-Marie Canuet zur Generaloberin gewählt, jene Oblatin, die damals mit Leonie Aviat Postulat und Noviziat begonnen hat und deren Charakter so völlig anders war als der ihrer Mitschwester. Schwester Aviat ahnt, dass es zu einem Konflikt kommt. Tatsächlich nimmt ihr die Generaloberin ihre Stelle in Paris und beordert sie wieder nach Troyes zurück. Schwester Franziska-Salesia folgt der Order – unter Tränen. Und dennoch sucht sie das Beste aus der neuen Situation zu machen. 
In Troyes ist sie wieder Schwester unter Schwestern und bereit die geringste Arbeit zu tun – eine Haltung, die Eindruck macht. „Besser den Gehorsam lieben als den Ungehorsam hassen“, hat Franz von Sales empfohlen. Schwester Aviat tut das und setzt damit Zeichen.
Im Jahr 1893 wird sie beim Generalkapitel wieder als Oberin gewählt. Ihre Vorgängerin, die sie von Paris wegbeordert hatte, macht sie zu ihrer Assistentin.

Das offizielle Bild zur Heiligsprechung von Maria Salesia AviatEine wachsende Gemeinschaft

Mittlerweile breitet sich der Orden über Frankreich hinaus aus. Schon 1883 waren drei Schwestern nach Südafrika gereist um dort in der Mission zu wirken. 1888 entsteht eine zweite Missionsstation in Ecuador. 
Im Jahr 1893 erweben die Oblatinnen das Geburtshaus der inzwischen verstorbenen Mutter Chappuis in Soyhiéres in der Schweiz und gründen dort eine Hauswirtschaftsschule. Dieses „Maison Chappuis“ existiert auch heute noch als Mädchenpensionat in der Trägerschaft des Ordens. 
Im Jahr 1896 gehen die Oblatinnen nach Perugia in Italien und nehmen sich dort der Dienstmädchen an, zwei Jahre später eröffnen sie ein Haus für französische Erzieherinnen österreichischer Adliger in Wien. Schließlich kann Mutter Franziska Salesia auch in Margate in England ein Haus eröffnen.
In Frankreich indes braut sich Schlimmes zusammen. Eine kirchenfeindliche Regierung enteignet die Ordenshäuser. Am 11. April 1904 müssen die Oblatinnen ihr  Mutterhaus in Troyes auflösen und gehen ins Exil nach Perugia. Mutter Franziska Salesia wird hier bis zu ihrem Lebensende bleiben. Am 10. Januar 1914 stirbt sie an einer Lungenentzündung.
Bald schon wird sie als großes Vorbild verehrt. Am 27. September 1992 wird Franziska Salesia Aviat von Papst Johannes Paul II. in Rom selig, und am 25. November 2001 heilig gesprochen – eine Frau, die einen Orden mitgegründet und lange Jahre geleitet hat, obwohl sie nie nach einer Machtposition gestrebt hat.
Sie zeigt damit deutlich, was wahre Leitung im Sinne christlicher Religion ist: Dienst am Menschen im Hören auf den Willen Gottes.

Literatur:
Marie-Aimée d'Esmauges, Leonie Aviat - Mutter Franziska Salesia. Mich selbst ganz vergessen, Eichstätt (Franz Sales Verlag) 1993


Raymund Fobes

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